mHealth Apps: Die Zukunft der Medizin?

Der Gesundheitsbereich ist einer der größten Wachstumsmärkte weltweit. Gründe dafür sind laut der Studie mHealth App Developer Economics 2014 von research2guidance u.a. der demographische Wandel, die vermehrte Verbreitung chronischer Krankheiten, aber auch das Streben des Menschen nach Gesundheit und Wohlgefühl. Dabei geht der Fokus weg von der Akutversorgung hin zu koordinierter, Patienten-zentrierter Versorgung. Auf den zwei führenden Plattformen iOS und Android hat sich die Anzahl der mHealth Apps in den letzten 2.5 Jahren mehr als verdoppelt (über 100.000 Apps in Q1 2014). Auch wurde in 2013 ein Umsatz von 2.4 Millionen USD erreicht und wird laut research2guidance auf 26 Millionen USD Ende 2017 prognostiziert.

Schon jetzt gibt es viele so genannte mHealth Apps, mit denen Nutzer aufzeichnen und verfolgen können, wieviel Sport sie getrieben haben, wie hoch ihre tägliche Herzfrequenz ist oder mit denen der Blutzucker gemessen werden kann.

In diesem Zusammenhang treten auch immer mehr Wearables, also Geräte, die der Nutzer an seinem Körper trägt und welche dann mit mobilen Endgeräten kommunizieren in das tägliche Leben. So kann auf dem Smartphone verfolgt werden, wieviel man sich am Tag bewegt hat, wie lange man geschwommen ist und wie viele Kalorien man dabei verbrannt hat. Ziel ist es Menschen zu motivieren, sich häufiger zu bewegen, bewusster zu ernähren und ein insgesamt gesünderes Leben zu führen.

Apple veröffentlichte erst kürzlich iOS 8 mit dem neuen Entwickler-Framework HealthKit. Das Besondere ist, dass die gesammelten Daten zentralisiert aufbereitet und dem Nutzer als persönliches Gesundheitsprofil zur Verfügung gestellt werden sollen. Bei Bedarf können künftig automatisch Daten an z.B. Kliniken oder andere medizinische Institute weiterkommuniziert werden, so dass Ärzte eine bestmögliche Gesundheitsberatung und –versorgung bieten können. Herstellern von Wearables und Sensoren wird ermöglicht, ihre Daten mit Apps zu teilen. App-Entwickler wiederum können die Daten, welche von anderen Apps erfasst wurden Nutzen, um ihre Apps zu optimieren und den Nutzern eine besser User Experience zu bieten. Mit Hilfe von Apple’s Healthkit (als auch Google’s Google Fit) können Fitness-Apps so in ein völlig neues Ökosystem eingebettet werden.

                                          Abb. 1: Apple Health App (Quelle: apple.de)


mHealth Apps als Lifestyle- und Medizinprodukte

Die größte Gruppe der mHealth Apps in allen Appstores (Apple, Google, Blackberry und Windows Phone) sind Fitness Apps, also Fitness Tracker oder Trainingspartner. Apps zur Überwachung des Gesundheitszustandes wie z.B. Blutzucker und Blutdruck-Apps, als auch zur Diagnose, zur Befolgung von Behandlungsabläufen, Erinnerungs-Apps, Fernüberwachungs-Apps oder Patientenakten-Apps usw., nehmen nur ca. 16% der mHealth Apps ein.


                                        Abb. 2: mHealth Kategorien in den App Stores

Diese Themen werden in den nächsten Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen, stellen gleichzeitig aber auch die Bereiche mit den größten Hürden dar. Dabei muss unterschieden werden zwischen mobilen Apps zur Überwachung der eigenen Gesundheit und Fitness und mobilen medizinischen Apps (medizinische Produkte, welche mobile Apps sind) zur z.B. Überprüfung des Blutzuckers durch den Patienten oder zur Unterstützung von medizinischem Personal bei der Diagnose und Behandlung. Das MobiUS SP1 System von MobiSante beispielsweise ist ein mobiles Ultraschall-Gerät to go: Ein Ultraschallkopf in Kombination mit einem Smartphone ermöglicht medizinischem Personal in den entlegensten Orten der Welt Patienten zu untersuchen und Diagnosen zu stellen (ist bisher allerdings noch nicht CE zertifiziert).

Soll eine App, oder auch die Kombination aus App und Hardware, für medizinische Zwecke genutzt werden, so aus einer App ein Medizinprodukt und bedarf einer weiteren Kontrolle und Zertifizierung. App und die dazugehörige Hardware müssen in dem Fall länderspezifische Richtlinien und Anforderungen entsprechen und diese einhalten; die Apps müssen Normenkonform sein und Schnittstellen überwinden, welches konsequenterweise auch die Usability solcher Apps mit einschließt.

App- und Hardware-Hersteller sind dabei vor allem die Pharmaindustrie, Kliniken und medizintechnische Hersteller, als auch Fitnessexperten und Hersteller von Sensoren. Einen Großteil machen aber auch die sogenannten „Helfer“ aus, Menschen (manchmal auch medizinische Spezialisten), die ein Problem erkannt haben und dafür eine App entwickeln um ihre Mitmenschen bei ihrer körperlichen Gesundheit als auch Fitness zu unterstützen.

Aber auch andere Organisationen haben die Relevanz von mHealth erkannt. Dabei ist die Idee, dass mit Hilfe von mobilen medizinischen Geräten und Applikationen Menschen dazu gebracht werden können gesünder zu leben, welches zur Reduzierung  von Kosten im Gesundheitssystem führen könnte, ein großer Motivator sowohl für Versicherungen, als auch für staatliche Organisationen und Regierungen. So veröffentliche die Europäische Kommission im Dezember 2012 den Aktionsplan  “Patienten geben die Richtung vor: Eine digitale Zukunft für das Gesundheitswesen”. Ziel der Kommission ist es „Patienten medizinisch besser zu versorgen, ihnen mehr Kontrolle über ihre Gesundheitsfürsorge zu geben und die Kosten zu verringern.“ Dafür ist es jedoch notwendig, die digitale Gesundheitsförderung zu verbessern um ihr volles Potential ausschöpfen zu können. Der Aktionsplan könnte Hard- und Softwareherstellern helfen, da diese momentan noch mit vielen Herausforderungen wie dem Fehlen von Standards, kaum vorhandener Interoperabilität von Systemen, aber auch rechtlichen Unsicherheiten zu kämpfen haben.

Visualisierung und Zugriff auf medizinische Daten

Fitness- und Ernährungsdaten, aber auch andere Vitaldaten wie z.B. Blutzucker oder Blutdruck, bekommen dadurch in Zukunft eine völlig neue Bedeutung und das Verständnis von Gesundheit wird sich verändern. Anstatt  unzusammenhängender Testresultate, werden Gesundheitsdaten aggregiert und jeden Tag passiv generiert. Diese Daten fließen zwischen Apps, dem Nutzer und ggf. weiteren anderen Empfängern hin und her. Es entstehen Muster und diese können genutzt werden, um Warnungen zu geben, die eigene Fitness und Gesundheit zu planen und zu überblicken, oder auch einfach nur, um das persönliche Interesse an diesen Daten zu befriedigen. Dies könnte auf Dauer das Gesundheitssystem entlasten und Kosten einsparen, dem einzelnen Menschen aber auch aufgrund ihrer Position als Eigentümer dieser Gesundheitsdateninformationen mehr Kontrolle darüber geben, wer Zugang zu welchen dieser Daten bekommt.

Um wirklich nutzbare und bedeutsame Erlebnisse zu schaffen, müssen jedoch einige Dinge beachtet werden: Die Daten müssen erfasst und verarbeitet werden. Dies geschieht nun immer häufiger durch tragbare Technologien in Verbindung mit dedizierten Apps. Um das Potential von mHealth jedoch ganz auszuschöpfen ist es notwendig, dass zukünftig unterschiedlichste Apps und Systeme untereinander kommunizieren können. Dafür müssen Schnittstellen geschaffen werden. Apple und Google bereiten mit ihren Frameworks hier den Weg.

Die entstandenen Daten müssen dann so aufbereitet werden, dass sie nicht nur ansprechend aussehen, sondern vor allem auch von den Personen die die Daten nutzen möchten benutzt und verstanden werden können. App- und Hardwarehersteller müssen sich ihrer unterschiedlichen Zielgruppen besonders bewusst sein. Informationsdarstellung und die Interaktion mit diesen, spielt eine primäre Rolle.

Ein besonders herausforderndes Thema ist der Austausch von Daten, welches alle Stakeholder (Hard- und Softwarehersteller, Kliniken, Ärzte, etc.) vor große Hürden stellt. Datenschutz spielt dabei die größte Rolle, aber auch die kaum vorhandene Interoperabilität der unterschiedlichsten Systeme im Gesundheitsbereich ist ein Problem für das es eine Lösung geben muss bevor die Kommunikation von Patienten, Ärzten und Kliniken überhaupt erst möglich wird.

Fazit

mHealth wird in der Zukunft nicht mehr nur beschränkt sein auf einzelne Apps die ggf. mit einer bestimmten Hardware kommunizieren. Vielmehr wird es viele Systeme und viele unterschiedliche Nutzergruppen geben, die untereinander kommunizieren und Daten austauschen. Der Gesundheitsbereich ist jedoch ein sehr konservativer Sektor und nicht immer auf dem neusten technologischen Stand. Für Hersteller von Apps ist es dabei wichtig zu verstehen, dass es rechtlichen Abgrenzungen zwischen „Lifestyle App“ und „Medical App“ gibt. Diese müssen gekannt und deklariert werden. Um das volle Potential von mHealth ausschöpfen zu können, ist es deshalb  wichtig, dass Standards entwickelt werden, die bestimmten Richtlinien gerecht werden. Apple entwickelt das HealthKit in Kooperation mit einer Reihe von US-Kliniken (z.B. der Mayo Klinik) und medizinischen Instituten und könnte vielleicht dabei helfen, diese Standards zu definieren.

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Al Issawi, Jumana (2014): mHealth Apps: Die Zukunft der Medizin?, In: Forschungsbeiträge der eResult GmbH, URL: http://www.eresult.de/ux-wissen/forschungsbeitraege/einzelansicht/news/