10 Tipps für’s Usability Testing mit Kleinkindern

Sie sind nicht der Nutzer – ganz sicher nicht!

Bei Produkten für Kinder bekommt das Gebot „Du bist nicht der Nutzer“ eine besonders hohe Relevanz. Kinder haben besondere Bedürfnisse und Anforderungen an interaktive Systeme und sind keine kleinen Erwachsenen. KEINER von uns kann sich in ein (Klein-) Kind hineinversetzen. Es hilft auch nicht zu versuchen, sich an seine Kindheit oder Jugend zurückzuerinnern. Metaphern und Interaktionsmechanismen die für uns eindeutig sind, machen für Kinder heutzutage teilweise überhaupt keinen Sinn mehr. Technologien die es während unserer Kindheit nur in Science Fiction Filmen gab, sind heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Und für uns altbekannte Technologien sind für die Kinder heute Relikte aus der Urzeit. In unseren Tests zeigt sich immer wieder, was Zweijährige von Tastatur und Maus halten. Unglaublich, wie intuitiv die Kinder den Touchscreen benutzen und gleich anfangen zu swipen.

Gute Vorbereitung der Session, des Labs und Ihrer Selbst

Usability Testing mit Kindern ist in vielerlei Hinsicht dem Testing mit Erwachsenen ähnlich. Die Methoden müssen trotzdem systematisch an die Zielgruppe „Kinder“ angepasst werden. Vor allem bei Kleinkindern (also Kindern zwischen 2 und 5 Jahren) gibt es wichtige Dinge zu beachten um sicherzustellen, dass die Kleinen sich sicher und wohl fühlen, so dass man so viel wie möglich aus jeder Test Session mitnehmen kann.

Kinder wachsen heute mit Computern
und Internet auf


Wir haben 10 Tipps für das Usability Testing mit Kleinkindern zusammengestellt (viele der Tipps sind allerdings auch auf Tests mit älteren Kindern anwendbar!):

  1. Nehmen Sie Mutter oder Vater des Kindes mit
    Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Kleinkind ohne einen Elternteil bereit ist einer fremden Person in einen Raum zu folgen - und das ist ja auch gut so. Es kann sogar sehr hilfreich sein, wenn Eltern beim Test zuschauen und im richtigen Moment erkennen, dass ein kleiner Eingriff oder eine kleine Hilfe notwendig ist. Allerdings sollte man die Eltern vorher einweisen und erklären, dass es wichtig ist, dass die Kinder versuchen sollen selbst herauszufinden, wie der Testgegenstand funktioniert.
  2. Schaffen Sie eine lockere, kindliche Atmosphäre
    Anders als erwachsene Probanden erwarten Kinder keinen aufgeräumten und modern gestalteten Testraum. Vielmehr sollte man bunte Bilder oder Poster an die Wände hängen, und vielleicht ein paar Kuscheltiere, Bilderbücher und anderes Spielzeug verteilen. Davon jedoch nicht zu viel, da man ja nicht vom eigentlichen Testgegenstand ablenken möchte.

      Wie man sieht haben wir den Raum mit Postern und Spielzeug verschönert.


    Allerdings wäre es noch besser, wenn wir beim nächsten Mal Tisch,
    Schreibtischstühle und Sofa durch kindgerechte Möbel ersetzen könnten.


  3. Begeben Sie sich auf Augenhöhe
    Wenn man mit den Kindern spricht, sollte man sich auf ihr Level begeben. Das heißt sich auf die Knie oder einen kleinen Stuhl, oder ggf. auch mal im Schneidersitz auf den Boden zu setzen. Am besten stellt man kleine (bunte) Tische und Stühle in den Raum auf denen man dann auch während des Tests sitzt. Wichtig ist die Kinder nicht zu überragen. So fühlt sich das Kind wohler und die Verletzungs-, oder auch Bruchgefahr der teuren Testgeräte wird minimiert.
  4. Lernen Sie sich gegenseitig kennen
    Am Anfang sollte man sich Zeit nehmen um den Kindern näher zu kommen und deren Angst abzubauen. Fragen wie: Was spielst du am liebsten im Kindergarten? Wer ist dein bester Freund? Hast du eine Lieblingsfarbe? u.a. – helfen dabei, dass das Kind „auftaut“ und die Angst gegenüber der fremden Person verliert. Natürlich sollte man dann auch ein wenig über sich selbst erzählen und die Fragen der Kinder beantworten um Vertrauen zu schaffen. Bei sehr schüchternen Kindern hilft es auch, wenn man erst einmal mit ihnen spielt und dabei immer wieder Komplimente macht. Das stärkt das Selbstbewusstsein.
  5. Kleiden Sie sich jugendlich
    Natürlich soll auch im Test mit Erwachsenen eine angenehme und eher lockere Atmosphäre geschaffen werden. Trotzdem kleiden wir uns meist eher schick und formell, vor allem wenn dann auch noch der Kunde nebenan im Beobachtungsraum sitzt.
    Im Usability Test mit Kleinkindern sollten wir jedoch Farbe zeigen und lockere, jugendliche Kleidung wie z. B. einen Hoodie anziehen. Dadurch wirken wir in den Augen der Kinder gleichwertiger und weniger beängstigend und weniger autoritär.
  6. Erklären Sie Ihre Intention
    Wenn Kinder verstehen, was man macht und warum, sind sie häufig kooperativer und freuen sich sogar einem Erwachsenen helfen zu können. Lobt man sie auch noch und zeigt ihnen, dass sie etwas sehr gut gemacht haben und einem etwas gezeigt haben, das man selbst nicht wusste, so kann man sich relativ sicher sein, dass das Kind danach verstanden hat, dass es nicht getestet wird, sondern ehrliches Feedback geben darf.
  7. Nur eine fremde Person im Raum
    Auch wenn es wahnsinnig spannend ist direkt zu sehen und mitzuerleben, wie ein Kind mit einem Testgegenstand umgeht, so ist jede fremde Person eine zu viel. Beobachter und Kunden sollten auf jeden Fall in einem Beobachtungsraum sitzen und von dort aus mitprotokollieren. Das ist natürlich nicht ganz einfach, da Kinder nicht immer an der dafür vorgesehenen Stelle sitzen bleiben und manchmal auch sehr leise sprechen. Kamera und Mikro sind dann vielleicht nicht für jedes Kind optimal positioniert. Das Kind muss sich so jedoch nur an eine fremde Person gewöhnen.
  8. Achten Sie auf nicht-verbale Hinweise
    Kinder können häufig ihre Gedanken und Gefühle noch nicht so ausdrücken wie wir. Entweder weil sie entwicklungstechnisch noch nicht so weit sind, weil sie zu schüchtern sind, weil sie Angst haben einen Erwachsenen zu verärgern, oder weil sie etwas sagen nur um uns Erwachsene zufriedenzustellen. Daher ist es besonders wichtig auf non-verbale Hinweise wie Stirnrunzeln, Seufzen, Gähnen, Gezappel, Lächeln und die Körperhaltung zu achten. Auch ein nachgelagertes Gespräch mit den Eltern ermöglicht es uns die Verhaltensweise der Kinder zu verstehen. Eltern kennen ihre Kinder besser als jeder andere und können meist interpretieren, warum sich ein Kind wie verhalten hat.
  9. Planen Sie mehr Zeit und mehr Ersatz ein
    An einem Tag sechs bis acht Probanden? Lieber nicht! Vorschulkinder haben am Computer eine Aufmerksamkeitsspanne von nur 8 bis 15 Minuten. So sollte man für den tatsächlichen Test - je nach Alter und Entwicklungsstand des Kindes – also nicht mehr als 15-30 Minuten ansetzen. Außerdem kann es notwendig sein pro Kind dann noch einmal eine 15-45 Minuten Aufwärm- und Kennenlernphase einzubauen, da Kinder Zeit brauchen, um sich an eine neue und ungewohnte Umgebung und Situation zu gewöhnen. Würde man für einen Test mit Erwachsenen also einen Tag einplanen, so empfiehlt es sich bei einem Test mit Kinder einen weiteren Tag drauf zu schlagen.
    Außerdem ist es nicht ausreichend nur ein Ersatzkind (Überrekrutierung) pro Tag einzuplanen. Es ist mit einer hohen Anzahl unbrauchbarer Testergebnisse (geringe Aufmerksamkeitsspanne und Frustrationstoleranz) zu rechnen. Deshalb müssen genügend Kinder am Test teilnehmen.
    Besondere Vorsicht auch bei Geschwisterkindern. Zwar ist es sehr praktisch sowohl bei der Rekrutierung, als auch bei der Vorbereitung mit den Eltern in einem Rutsch alle Fragen für zwei Probanden durchzugehen. Fällt jedoch krankheitsbedingt eines der Kinder aus, oder den Eltern kommt kurzfristig etwas dazwischen, so verliert man auf einen Schlag zwei Probanden.
  10. Erwarten Sie das Unerwartete
    Wenn man mit Kindern testet musst man extrem flexibel reagieren können und sehr viel Geduld zeigen. Ein Abarbeiten von Use-Cases ist so gut wie unmöglich; möchte ein Kind nicht mehr weiter machen, dann wird es extrem schwer es doch noch einmal zu begeistern. Es macht also Sinn die Reihenfolge der Use-Cases pro Proband zu vertauschen. So kann man sicherstellen, dass nicht immer die gleiche Fragestellung leidet, weil das Kind zum Ende des Testes nicht mehr so aufmerksam und motiviert dabei ist.
    Toll dabei ist allerdings, dass Kinder – wenn sie erst einmal anfangen zu reden – kein Blatt vor den Mund nehmen, brutal ehrlich sind und man danach genau weiß, ob das Kind begeistert werden konnte oder nicht.

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Al Issawi, Jumana (2015): 10 Tipps für’s Usability Testing mit Kleinkindern, In: Forschungsbeiträge der eResult GmbH, URL: www.eresult.de/ux-wissen/forschungsbeitraege/einzelansicht/news/10-tipps-fuers-usability-testing-mit-kleinkindern/