Nutzertagebuch-Studien erfolgreich durchführen – auf die richtige Auswahl des Erhebungsverfahrens kommt es an

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Unter dem Begriff „Nutzertagebuch“ verbirgt sich eine ganze Reihe von Techniken und Methoden, um Nutzer über einen längeren Zeitraum zu begleiten und Daten zu deren Verhalten und Gedanken zu sammeln.

Für welche Fragestellungen ist diese Methode aber besonders geeignet?

Drei Arten von Fragestellungen können mit Hilfe eines Nutzungstagebuchs besonders umfassend beantwortet werden:


  • Wie wird ein bestimmtes Produkt im Alltag genutzt? Zum Beispiel: Welche Funktionen eines Handys werden wie eingesetzt? Welche werden möglicherweise zweckentfremdet oder haben eine ganz besondere Relevanz im Erleben der Benutzer?
  • Wie spielen verschiedene Informationskanäle wie beispielsweise Websites, Foren, persönliche Gespräche bei einer komplexen Entscheidungsfindung zusammen?
  • Es können zudem Erkenntnisse über eine bestimmte Zielgruppe gesammelt werden.
    Beispielsweise kann man herausfinden, welche besonderen Schwierigkeiten Senioren bei ihren ersten Schritten im Internet haben oder wie Kinder verschiedene Medien zur Kommunikation einsetzen.

Eine besondere Herausforderung besteht darin für jede Fragestellung die richtige Untersuchungstechnik und –methode auszuwählen. Abhängig ist diese Auswahl von vielen Faktoren. Zu berücksichtigen sind beispielsweise:

  • Die untersuchte Zielgruppe.
    Viele ältere Menschen haben beispielsweise Hemmungen davor, ein ihnen bisher unbekanntes Eingabegerät zu bedienen. Andere Gruppen lassen sich gerade dadurch innovative Techniken zu einer Teilnahme motivieren.
  • Der Untersuchungsgegenstand.
    Stehen zum Beispiel reine Webanwendungen im Fokus, so bietet sich eine rechnergestützte Datenerfassung an. Eine Beobachtung anderer Lebensbereiche lässt eine Bindung an einen Rechnerarbeitsplatz dagegen ungünstig werden. Die Datenerfassung mit mobilen Endgeräten stellt dann eine Alternative dar.
  • Umfang und Detailliertheit der Fragen.
    Sollen umfangreiche Erfahrungsberichte erfasst werden, so kann sich eine Texteingabe über eine Handytastatur schnell negativ auf die gesammelten Daten auswirken.
  • Die Art der Fragestellung.
    Erfolgt eine Untersuchung rein qualitativ, oder sind auch Fragen quantitativ zu beantworten? Die eingesetzte Technik hat hier einen entscheidenden Einfluss auf den Auswertungsaufwand.

An einem Beispiel sollen die Überlegungen zur Auswahl der richtigen Technik und Methode einmal verdeutlicht werden.

Der Entscheidungsprozess bei der Auswahl eines neuen Autos wird von zahlreichen Kanälen und Informationsquellen beeinflusst. Herstellerwebsites und Onlineformen spielen ebenso eine Rolle, wie Berichte in Printmedien, Gespräche mit Freunden und Händlern und die Werbung im Fernsehen.

Möchte man herausbekommen, wie all diese Kanäle genutzt werden und welche Einfluss sie auf die Wahl von Marke und Modell, Finanzierung, Alter des gewählten Fahrzeugs und die Ausstattung haben, muss man Interessenten eine Weile vor dem Kauf begleiten.

Da viele verschiedene Informationsquellen verwendet werden und diese nicht immer zuhause genutzt werden, sollten die Untersuchungsteilnehmer zur Dokumentation ihres Vorgehens nicht auf einen Rechnerarbeitsplatz angewiesen sein.

Werden die Teilnehmer nur einmal täglich mittels eines Onlinefragebogens nach ihrem Vorgehen befragt, so ist der Auswertungsaufwand gering. Gleichzeitig birgt diese Methode aber die Gefahr, dass Quellen der Informationsbeschaffung und Entscheidungsmomente bis zur Abfrage vergessen wurden.

Geeignet ist daher in diesem Fall die Datenerfassung durch ein Heft oder Tagebuch, in das der Teilnehmer jedes Ereignis, das mit seinem Vorhaben, ein Auto zu kaufen zusammenhängt direkt nach dem Auftreten dokumentiert. Zudem werden einige Standardfragen, die im Heft mit abgedruckt sind beantwortet.

Dieses wird nach dem Kauf an den Untersuchungsleiter zurückgegeben. Aus den Protokollen aller Teilnehmer lassen sich nun typische Entscheidungswege identifizieren. Darüber hinaus liefern die Daten Auskunft über die Verzahnung verschiedener Medien und dienen zur Identifikation von Kritikpunkten und positiven Aspekten in Bezug auf eingesetzte Medien.

Die Nutzertagebuchdaten liefern so einen idealen Ausgangspunkt zur nutzergerechten Gestaltung von Informations- und Kommunikationsmaßnahmen in verschiedenen Medien und auf verschiedenen Plattformen (wie z.B. Facebook).

Insgesamt bieten Nutzertagebücher damit einzigartige Möglichkeiten, um den Umgang mit Informationsquellen, Verhalten von Zielgruppen oder die Verwendung von Produkten zu erforschen und zu optimieren.

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