Der Einfluss der Prototyp-Fidelity auf Nutzerverhalten und Problemerkennung – Darstellung des bisherigen Forschungsstandes

Schlechtes Design kann teuer werden: Die Behebung von Usability-Problemen nach der Implementierung kostet bis zu zehn Mal mehr als in der Designphase. Eine Methode, mit der zentrale Probleme neuer Interaktionskonzepte bereits frühzeitig identifiziert werden können, ist das Prototyping. Verschiedene Formen von Prototypen werden dabei häufig anhand ihrer Fidelity unterschieden – also anhand ihrer Ähnlichkeit zum finalen Produkt. Was auf den ersten Blick einfach erscheint, birgt jedoch auf den zweiten Blick zahlreiche Probleme: Die richtige Charakterisierung, Auswahl und Gestaltung von Prototypen für einen Usability-Test stellt sowohl die Praxis als auch die Wissenschaft häufig vor methodische und konzeptionelle Schwierigkeiten.

Welche Prototypen gibt es und wie kann man diese unterscheiden?

In der Praxis lassen sich im Wesentlichen vier verschiedene Formen von Prototypen unterscheiden:

  • Storyboard-Präsentationen, bei denen dem Nutzer verschiedene Screens einer Anwendung gezeigt werden.
  • Papier-Prototypen, bei denen ein sog. Facilitator die Reaktion des Programmes auf die Aktionen der Nutzer simuliert und die Papierscreens entsprechend austauscht.
  • Wizard-of-Oz-Simulationen, bei denen komplexere Funktionen (wie Spracherkennung) durch einen Mensch simuliert werden.
  • Voll-funktionsfähige Computer-Prototypen, die bereits (in Teilen) eine vollständige Interaktion mit dem System ermöglichen (z. B. öffnen von Fenstern, Dateneingabe).

Die Charakterisierung von Prototypen erfolgt dabei häufig anhand ihrer Fidelity. Unter dieser versteht man die für den Nutzer ersichtliche Ähnlichkeit des Prototyps zum finalen Produkt. Dementsprechend werden Papier-Prototypen und Storyboard-Präsentationen häufig als low-Fidelity-Prototypen bezeichnet (aufgrund der geringen Ähnlichkeit) und voll funktionsfähige Computer-Prototypen als high-Fidelity-Prototypen.

Sind high-Fidelity-Prototypen besser als low-Fidelity-Prototypen?
Diese Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Meistens wird empfohlen, in frühen Entwicklungsphasen eher mit low-Fidelity-Prototypen zu arbeiten und weit fortgeschrittene Konzepte mit high-Fidelity-Prototyen zu evaluieren.

Im User-Centered-Design werden vorwiegend low-Fidelity-Prototypen verwendet – sicher nicht zuletzt weil diese kostengünstig in ihrer Erstellung sind und zudem keine Programmierkenntnisse erfordern.

Einige Autoren gehen daher davon aus, dass low-Fidelity-Prototypen auch in späteren Entwicklungsphasen sehr gut für die Systemevaluation geeignet sind. Doch finden sie tatsächlich die gleichen Probleme wie voll ausgearbeitete high-Fidelity-Prototypen?

Mehrere Studien sind dieser Frage bereits nachgegangen – und kamen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Einige Studien legten nahe, dass auch in späteren Designphasen noch low-Fidelity Papier-Prototypen verwendet werden können, da diese die gleichen Probleme identifizierten wie Computer-Prototypen. Andere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass mit computerbasierten Prototypen mehr schwerwiegende Probleme identifiziert werden als mit papierbasierten.

Auffallend ist neben dieser widersprüchlichen Befundlage auch die Tatsache, dass die Fidelity in den in den verschiedenen Studien häufig sehr unterschiedlich definiert wurde. Manche Studien zählten Papier-Prototypen grundsätzlich zu den low-Fidelity-Prototypen. Andere Studien machten hingegen deutlich, dass allein das verwendete Medium (Papier vs. Computer) nicht ausschlaggebend für die Höhe der Realitätsnähe sein muss. Eine dieser Studien evaluierte z. B. je einen Computer- und einen Papier-Prototyp, die jeweils über hohe bzw. geringe Fidelity verfügten. Die Fidelity wurde hierbei z.B. über unterschiedliche Informationsstrukturen und unterschiedliches Aussehen der Prototypen variiert.

Diese Sachverhalte verdeutlichen, dass eine einfache Unterscheidung in high und low Fidelity nicht ausreicht, um die Vielzahl verschiedener Prototypen zu charakterisieren und auszuwählen. Und: Je nach System oder Fragestellung der Evaluation ergeben sich sehr unterschiedliche Anforderungen an den Aufbau des Prototyps: Möchte man z. B. nur eine einzige Funktion eines gesamten Programmes untersuchen oder soll das gesamte Navigationskonzept evaluiert werden? Geht es eher um das Layout oder die Verständlichkeit von Eingabemöglichkeiten? Hier wird sehr schnell deutlich, dass die Frage nach der angemessenen Fidelity nicht pauschal mit „high“ oder „low“ beantwortet werden kann. Vielmehr gibt scheint es eine Vielzahl von Aspekten zu geben, über deren Fidelity im einzelnen und je nach Fragestellung entschieden werden muss.

Wie wählt man die „richtige“ Fidelity für eine spezielle Fragestellung aus?

Dieser Frage widmete sich McCurdy, der vor einigen Jahren das sogenannte Konzept der mixed Fidelity entwickeltem. Dieses trägt der o. g. Vielzahl von Aspekten Rechnung, die bei der Konzeption von Prototypen berücksichtigt werden müssen. Bei diesem Konzept wird die Fidelity eines Prototyps auf mehreren Dimensionen definiert, welche unabhängig voneinander in Bezug auf high bzw. low Fidelity variiert werden können. Diese Dimensionen sind:

  • Visuelle Verfeinerung
  • Breite der Funktionalität
  • Tiefe der Funktionalität
  • Umfang der Interaktionsmöglichkeiten
  • Vollständigkeit des Datenmodells

Ein mixed-Fidelity-Prototyp ist nach dieser Definition ein Prototyp, der in Bezug auf einige (oder eine) Dimensionen über hohe Fidelity verfügt und in Bezug auf die übrigen Dimensionen über geringe bis mittlere Fidelity verfügt.
Will man also, wie oben genannt, nur eine einzige Funktion eines Systems untersuchen, sollte demnach die Tiefe der Funktionalität stark ausgearbeitet sein, damit der Nutzer den gesamten Ablauf im Test durchspielen kann. Die Breite der Funktionalität kann hier über geringe Fidelity verfügen, da andere Funktionen nicht relevant sind und daher z. B. in einem Computer-Prototyp zwar auf oberster Ebene abgebildet werden können – sie müssen jedoch nicht klickbar sein.

Es zeigt sich, dass das Konzept der mixed Fidelity eine differenzierte Festlegung dessen ermöglicht, welche Dimensionen eines Prototyps ausgearbeitet sein sollten und welche vor dem Hintergrund der jeweiligen Fragestellung eher vernachlässigt werden können. So wird auch vermieden, dass unnötige zeitliche und finanzielle Ressourcen in Bereiche investiert werden, die für eine Evaluation gar nicht notwendig wären. Wer also die Kosten möglichst gering halten will, der muss nicht zwangsläufig auf low-Fidelity-Papierskizzen zurückgreifen – vielmehr sollte auf der Grundlage gezielter Fragestellungen gezielt ein Prototyp erstellt werden, der den Anforderungen so genau wie möglich gerecht wird und keine für die Evaluation unnötigen Aspekte abbildet. Folgende Fragen sind hierfür besonders wichtig:

  • Welche Dimension erfordert vor dem Hintergrund der Fragestellung welche Fidelity?
  • Welches Medium ist sinnvoll in Bezug auf Fragestellung (Was soll untersucht werden?) und Zielgruppe (Welche Nutzer werden befragt?)?

Welchen Einfluss hat das Aussehen?
Obgleich das Konzept der mixed Fidelity eindeutig Vorteile gegenüber der ursprünglichen dichotomen Unterscheidung bietet, so gibt es dennoch bislang kaum Studien, die sich mit dem Einfluss einzelner Dimensionen auf z. B. die Identifikation von Usability-Problemen oder das Nutzerverhalten befassen. Aus der bisherigen Forschung zur Fidelity und auch zur Ästhetik lässt sich jedoch die Vermutung ableiten, dass vor allem die Dimension der visuellen Verfeinerung einen ein beeinflussender Faktor sein könnte.

Häufig wird empfohlen, einen Prototyp erst dann mit einem kompletten Design auszustatten, wenn dieses auch evaluiert werden soll. Dies wird zum einen damit begründet, dass die Nutzer ansonsten zu viele Kommentare zu kosmetischen Aspekten des Prototyps abgeben und sich weniger auf funktionale Aspekte konzentrieren. Auch legen manche Studien nahe, dass Nutzer größere Hemmungen haben, einen Prototyp zu kritisieren, der über ein komplett ausgearbeitetes Layout verfügt und dementsprechend „vollständig“ wirkt.

Darüber hinaus gibt es aber auch Studien, die belegen, dass die Bewertung der Attraktivität eines Systems auch die Bewertung der subjektiv empfundenen Usability beeinflusst – je attraktiver das System eingestuft wird, desto höher wird auch die Usability bewertet. Dies gilt auch dann, wenn die tatsächliche Usability als eher gering eingestuft werden kann. Dementsprechend könnte es im Rahmen eines Usability-Tests zu einer Verzerrung der Ergebnisse kommen, wenn z. B. ein Prototyp nur deshalb schlechte Noten in Bezug auf die Usability erhält, weil er z.B. lediglich in Graustufen gehalten ist.

Fazit:

Das Konzept der mixed Fidelity ermöglicht eine zielgerichtete Festlegung der Prototyp-Fidelity auf verschiedenen Dimensionen, die je nach Fragestellung unterschiedlich stark ausgearbeitet sein müssen. Werden alle Dimensionen hinreichend gut analysiert, so kann ein System höchst effizient mit Hilfe eines Prototyps evaluiert werden. Unklar sind derzeit noch der Einfluss der visuellen Verfeinerung auf die Problemerkennung, das Nutzerverhalten und die Bewertung der Usability. Hier besteht in jedem Fall weiterer Forschungsbedarf um zunächst zu klären, ob bzw. inwiefern das Aussehen eines Prototyps tatsächlich die Ergebnisse einer Evaluation beeinflussen kann. In Rahmen einer von eResult durchgeführten Studie wird genau dieser Frage derzeit nachgegangen. Die Ergebnisse werden nach Abschluss der Studie ebenfalls in einem Forschungsbeitrag veröffentlicht werden.

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