E-Reader im Test: Offene Testgestaltung als Usability-Test-Methode

Amazon Kindle und Tolino liefern sich mittlerweile ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Im aktuellen Stiftung Warentest-Test wurden beide als Testsieger mit der Note „sehr gut“ prämiert. Nun gilt es, die Feinheiten der E-Reader zu optimieren. Wir haben uns der Sache angenommen und mit Hilfe eines Usability-Tests Empfehlungen für die nächste Generation der E-Reader gesammelt.



Marktüberblick

Der E-Book-Markt hat sich in Deutschland in den letzten Jahren stark vergrößert. Alle großen Sortimente haben mittlerweile E-Books und E-Reader im Angebot und für 2015 wird ein Umsatzanteil der E-Books von 2,8 % erwartet (vgl. mit 2013 waren es nur 1 %) (Ballhaus, 2014). Die größte Sorge waren bisher Umsatzrückgänge im klassischen Sortiment. Dies hat sich nicht bestätigt: Der Trend geht hin zur parallelen Nutzung: Ratgeber, Reiseführer und Romane sind die häufigsten „digitalen“ Buchgattungen, Lehrbücher, wissenschaftliche Artikel oder Vorlesebücher werden weiterhin eher in gedruckter Form gelesen. Die Konsumentenbefragung des Deutschen Börsenvereins gibt sogar an, dass das gedruckte Buch die Wettbewerbsfähigkeit sogar wieder steigern kann. „Hier deutet alles darauf hin, dass E-Book-Nutzer nach einer ersten Phase des Experimentierens Erfahrungswerte gesammelt haben, die später wechselnde Käufe steuern“, Lippmann, Hofmann, & Oldendorf (2014). Abhängig von den Leserpräferenzen und gesammelten Erfahrungen zu einzelnen Buch-Genres wird also individuell entschieden, ob das Buch als elektronische oder gedruckte Variante gekauft wird (Nielsen, 2009).

Am wichtigsten für die Besitzer von E-Readern ist die damit verbundene Gewichts- und Platzersparnis – eine Bibliothek in der Handtasche zu transportieren war vorher nicht möglich. Weitere Pluspunkte liefern die integrierte Beleuchtung und die 24-Stunden-Verfügbarkeit von Buchshops und Verleihservices. Dennoch sehen die meisten Verbraucher gedruckte Bücher als wertiger und „nostalgischer“. An das Lesen in einem echten Buch kommt die digitale Variante schwerlich heran (Ballhaus, 2014).

Verlage und Buchhändler arbeiten jedoch am Image der E-Reader: Das Lesen wird angereichert mit vielen praktischen Nebenfunktionen: Nachschlagen oder Übersetzten von Wörtern im Buch, ohne die Seite und viel Zeit zu verlieren ist nur der Einstieg (Meixner, 2013).

Vergleicht man die beiden aktuellsten Modelle der beiden großen Konkurrenten, den Amazon Kindle Voyage und den Tolino Vision 2, zeigt sich, dass sich die Geräte nur noch in Kleinigkeiten unterscheiden. Nuancen in der Gestaltung und im Angebot entscheiden hier über Verkaufszahlen. Der Leser muss sich eben zu Beginn entscheiden: Er bindet sich mit dem Kauf eines eReaders für die Zukunft an einen (z. B. Kindle) oder mehrere bestimmte Anbieter (z. B. Tolino), ein Wechsel ist auf Grund mangelnder Kompatibilität erschwert.

Mobiles Testen in Wohnzimmeratmosphäre

Für den E-Reader-Test wurde unser Usability-Labor
kurzerhand in ein Wohnzimmer umgebaut.

Um nun herauszufinden, was den optimalen E-Reader auszeichnet und wie man die aktuell auf dem Markt erhältlichen Modelle noch besser machen kann, haben wir einen 45 minütigen Usability-Test  durchgeführt. Eingeladen wurden dabei 12 Probanden aus dem Raum Göttingen im Alter von 30 bis 75 Jahren. Alle Probanden waren Vielleser, pro Woche lasen sie mehr als 2 Stunden. Die getesteten Geräte waren bunt durchmischt, der Großteil waren allerdings Amazon Kindle Geräte (3 Tolino-Nutzer, 7 Amazon Kindle, 2 Amazon Fire).

Uns interessierte, welche bisherigen Erfahrungen – speziell beim Lesen – die Probanden mit ihrem E-Reader gesammelt hatten und wie sie die Gestaltung des Gerätes bewerteten. Weiterhin waren wir an den Funktionen, welche nicht das Lesen direkt, sondern darüber hinausgehen (Wörter übersetzen, nachschlagen, Markierungen und Notizen anlegen, etc.), interessiert: Werden diese verstanden und genutzt? Gibt es noch Bedarf an anderen Funktionen? Der Fokus lag darauf, aktuelle Good- und Bad-Practice-Beispiele zu finden und anhand derer Empfehlungen für die bessere Gestaltung von E-Readern geben zu können.

Für diesen Usability-Test wurde ein neuer Ansatz für das Studienkonzept gewählt: Die Probanden sollten Ihre eigenen E-Reader mit zum Test bringen und die geforderten Use Cases auf ihren eigenen Geräten ausführen. Die Herausforderung war hierbei, die unterschiedliche Gestaltung, Funktionsweise und der Funktionsumfang aller Geräte. Für die Versuchsleiter war es zudem nicht möglich, sich in die Bedienung aller verfügbaren E-Reader einzuarbeiten. In diesem Fall verhielt es sich somit genau umgekehrt zum „normalen“ Fall bei Usability-Tests: Die Probanden waren die Experten und der Versuchsleiter der Laie, der wenig oder keine Erfahrung mit dem Testgegenstand hat. Dies stellte uns vor zwei Herausforderungen: Zum einen musste das Studienkonzept für jede Art von E-Reader (und auch Tablets mit Leseapp) geeignet sein. Die gewählten Szenarien mussten daher so allgemein gehalten werden, damit sie an das jeweilige Gerät angepasst werden konnten. Zum mussten den Probanden trotz ihres Expertenstatus  die Probleme und Knackpunkte in der Bedienung der E-Reader entlockt werden.

Wir entschieden uns aus diesem Grund für ein halb strukturiertes Interview mit integrierten Aufgaben für die Probanden. Ziel war es, die Probanden im Interview auch an den Beginn Ihrer Nutzung zurückzuführen, um zu erfahren, welche Probleme vor allem am Anfang aufgetreten sind bzw.  zu welchen Funktionen Sie das Nutzerhandbuch konsultieren mussten. Neben dieser retrospektiven Befragung zu weit zurückliegenden Ereignissen baten wir die Probanden, uns als Versuchsleiter zu erklären, wie die einzelnen Funktionen auf dem E-Reader funktionierten. Eine der ersten Aufgaben im Interview lautete beispielsweise: „Bitte erklären Sie mir bitte, wie ich auf Ihrem E-Reader ein Buch lesen kann. Also, wie ich ein bestimmtes Buch auswähle, zu einem anderen wechsle, vor und zurückblättere oder zu einem Kapitel springe. “ Dabei kam es darauf an, dass der Versuchsleiter darauf achtete, die Schritte nachzuvollziehen, eigene Verständnisschwierigkeiten erkannte und diese als Usabilityproblem identifizierte. Je nach Erfahrungsgrad der Probanden ergaben sich auch durch die Probanden selbst noch viele Probleme, welche identifiziert werden konnten. Im Folgenden stellen wir einige Auszüge der Ergebnisse vor.

Studienergebnisse: Das Lesen klappt flüssig

Auch bei schlechten Lichtverhältnissen ist das Lesen
Dank integrierter Beleuchtung mit dem E-Reader
kein Problem mehr.

Fast alle Probanden gaben an, dass sich ihr Leseverhalten, seit sie ihren E-Reader haben, verändert hat: Sie lesen teilweise viel mehr, aber auch an vielen neuen Orten – so auch viel öfter zwischendurch – wenn kleine Wartezeiten auftreten. Manche haben sich den E-Reader extra für die Mittagspause (manche natürlich auch für den Urlaub) gekauft! Ein E-Reader sollte sich daher an eine Vielzahl an Situationen anpassen können. Die Beleuchtung wurde dabei von vielen Probanden als DIE Innovation gesehen.

Das lineare Lesen viel allen sehr leicht. Vor- und Zurückblättern, ein Buch schließen und auswählen oder zu einem anderen Kapitel springen stellte, auch zu Beginn der Nutzung, keine Probleme dar. Der Homebutton führte alle Probanden wieder zurück zur Startseite und ist damit ein wichtiger Faktor für die Bedienung. Kleine Kritikpunkte erntete die Darstellung der Bücher – diese wirkte sehr unübersichtlich, vor allem bei Viellesern. „Da verliert man schnell mal den Überblick, bei so vielen Büchern“, so ein Proband im Test. Sobald es um Funktionen, die über das Lesen hinausgehen, ging, war es auch für die Probanden schwieriger, ihren eigenen E-Reader fehlerfrei zu bedienen. Eine große Schwachstelle vor allem beim Markieren einzelner Wörter oder Textpassagen war die Ungenauigkeit des Displays. Trotz dieser Einschränkung wurde die Übersetzungs- und Nachschlagefunktion von vielen Probanden gelobt. Das Konfigurieren der Geräteeinstellungen, hier sind u. a. Wörterbücher oder das Verwalten von Notizen und Markierungen zu nennen, stellte sich bei allen Geräten als weniger transparent dar. Hier gibt es noch deutlichen Optimierungsbedarf seitens der Hersteller.

Es zeigte sich in unserem Test zusätzlich der Trend, dass einige unserer Probanden gerne ein „leseoptimiertes“ Tablet bevorzugen würden: Mehr Funktionalitäten bei gleichzeitig sehr guter Lesequalität und sehr langer Akkulaufzeit wurden gewünscht. Andere Probanden schätzten gerade dieses ungestörte Lesevergnügen, welchen ihnen der E-Reader bietet. Der E-Reader als Spezialist sollte für das Lesen optimiert sein – und für nichts anderes. Allerdings hatten auch diese Probanden keine Einwände gegen eine farbige Darstellung der Buchcover und Abbildungen innerhalb von Büchern: „Da würde das gleich noch viel freundlicher aussehen“.

Das größte Manko, das sich bei der Bedienung und Handhabung der E-Reader zeigte, war die Synchronisation mit der Cloud. Diese stellte sich für nahezu alle Probanden kompliziert dar. Sowohl die Synchronisation zwischen unterschiedlichen Endgeräten – eventuell noch mit einer Zugangsbeschränkung für Kinder – oder das Verwalten der einzelnen Bücher und Dokumente auf dem E-Reader und deren Synchronisation stellte die Probanden vor Probleme. Hier wünschten sie sich eine deutlich einfachere Gestaltung der Bedienschritte und auch eine Möglichkeit (vor allem bei sehr vielen Büchern), dies am PC tun zu können.

Zusammenfassung

Das E-Book ist auf dem Vormarsch. Wie weit dieser letztendlich reichen wird, ist bis jetzt noch nicht absehbar. Das Lesen wird sich mit E-Readern und Tablets noch deutlich verändern und um viele Erlebnisse und Funktionen angereichert werden. Mit Hilfe unseres offenen Usability-Tests ist es uns gelungen, verschiedenste Geräte miteinander zu vergleichen. Damit haben wir die Schwachstellen der aktuellen Generation aufdecken können. Es hat sich gezeigt, dass die primäre Funktion – das Lesen – auf allen Geräten sehr gut umgesetzt wurde. Geht es aber darüber hinaus, zeigt sich noch deutlicher Optimierungsbedarf der E-Reader und dort liegt wahrscheinlich auch deren Zukunft und Vermarktungspotential.

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Quellen:

  1. Ballhaus, W. (2014). Media Trend Outlook: E-Books werden immer beliebter. Düsseldorf, from http://www.pwc.de/de/technologie-medien-und-telekommunikation/media-trend-outlook-e-books-werden-immer-beliebter.jhtml
  2. Lippmann, J., Hofmann, J., & Oldendorf, A. (2014). Verankert im Markt: Das E-Book in Deutschland 2013. Frankfurt am Main: Unternehmensentwicklung und Marktforschung.
  3. Meixner, S. (2013). Analyse: eBooks sind ein Zukunftsmarkt – oder etwa nicht? from http://neuhandeln.de/analyse-ebooks-sind-ein-zukunftsmarkt-oder-etwa-nicht/
  4. Meixner, S. (2014). Buchhandel: Wieso das Geschäft mit eBooks bereits lahmt, from http://neuhandeln.de/buchhandel-wieso-das-geschaeft-mit-ebooks-bereits-lahmt/.
  5. Nielsen, J. (2009). Kindle Content Design. Retrieved February 02, 2015, from http://www.nngroup.com/articles/kindle-content-design/.
  6. Nielsen, J. (2010). iPad and Kindle Reading Speeds. Retrieved February 02, 2015, from http://www.nngroup.com/articles/ipad-and-kindle-reading-speeds/.
  7. Rainie, L., & Zickuhr, K. (2014). E-Reading rises as device ownerships jumps. Pew Research Center’s Internet & American Life Project
  8. Rainie, L., Zickuhr, K., & Purcell, K. (2012). The rise of e-reading. Pew Research Center’s Internet & American Life Project, from http://libraries.pewinternet.org/2012/04/04/the-rise-of-e-reading/.
  9. Springer White Paper (2008). eBooks: The End User Perspective. [S.l.]: Springer.

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Wieland, Melanie (2015): E-Reader im Test: Offene Testgestaltung als Usability-Test-Methode, In: Forschungsbeiträge der eResult GmbH, URL: http://www.eresult.de/ux-wissen/forschungsbeitraege/einzelansicht/news/e-reader-im-test-offene-testgestaltung-als-usability-test-methode/

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