Intuitive Bedienung von Webseiten – Darstellung der Fragebogenentwicklung zur Messung von Intuitivität

Intuitive Bedienbarkeit ist in den letzten Jahren zu einem Schlagwort geworden, das gerne als Synonym für nutzerfreundliche Oberflächen verwendet wird. Dabei wird häufig impliziert, dass die Nutzer schnell und ohne Schwierigkeiten an ihr Ziel gelangen. Dabei ist heute immer noch nicht eindeutig, was intuitive Bedienbarkeit ausmacht, oder was sie definiert. Geschweige denn, wie Intuitivität nachgewiesen werden kann.


Im folgenden Beitrag werden die Grundzüge intuitiver Bedienbarkeit erklärt. Aufbauend auf der wissenschaftlichen Analyse wurde ein Fragebogen entwickelt, der die Wahrnehmung der Intuitivität von Webseiten abbildet.

Grundlagen in der Psychologie

Intuition bzw. intuitive Handlungen werden schon seit Jahrzehnten in der Psychologie erforscht. Dort ist man sich auch heute noch in vielen Punkten uneins: Worauf man sich aber durchaus einigen konnte ist, dass intuitive Prozesse schnell und mühelos ablaufen. Der Mensch ist also nicht gezwungen aktiv z.B. über eine Handlung nachzudenken. Intuitive Prozesse laufen unterbewusst ab, sie verbrauchen viel weniger Energie, als bewusste Prozesse. Dieser Umstand ist entscheidend, denn wir Menschen sind darauf bedacht unseren kognitiven Aufwand zu minimieren. Für unterbewusste Prozesse muss ein Mensch deutlich weniger kognitiven Aufwand betreiben, deshalb sind diese Prozesse für uns „angenehmer“.

Ob intuitive Handlungen bzw. Entscheidungen allerdings „besser“ sind als bewusste Entscheidungen lässt sich indes nur schwer beantworten, hier scheiden sich in der Wissenschaft wie so oft die Geister (ausführlich werden diese Fragen z.B. im Werk von Kahneman und Dijksterhuis beleuchtet).

Definitionen von intuitiver Interaktion

Ausgehend von der Tatsache, dass intuitive Prozesse deutlich müheloser und somit angenehmer verlaufen, haben sich verschiedene Forscher mit intuitiver Interaktion auseinandergesetzt. Bisher gibt es keine einheitliche Definition, was darunter zu verstehen ist. Einig sind sich die Forscher allerdings, dass intuitive Interaktion als die unbewusste Anwendung von Vorwissen definiert wird. Mit anderen Worten, ein Nutzer wendet gelerntes Wissen über eine Anwendung an, um ein neues Produkt zu bedienen. Dieser Vorgang wird von der Person aber nicht aktiv wahrgenommen.

Vorwissen, das schnell und unbewusst abgerufen werden kann, scheint der Schlüssel zur intuitiven Interaktion zu sein. Wie das funktioniert, erklärt die Psychologie: Es werden im Gedächtnis Heuristiken oder Schemata unterbewusst gescannt. Wird etwas Passendes gefunden, kann der Nutzer das Gelernte auf eine neue Aufgabe übertragen. Bewusst bekommt der Mensch von dieser Transformation nichts mit. Es ist grundsätzlich entscheidend, wie zugänglich dieses Wissen ist. Routine oder auch häufige Wiederholungen helfen das Wissen leichter im Gedächtnis wiederzufinden.

Einflüsse auf intuitive Interaktion

Durchaus bemerkenswert ist, dass die wissenschaftlichen Definitionen häufig mit den Definitionen der Nutzer einhergehen.  In der Diskussion mit den Teilnehmern des Digital Living Blogs zeigten sich ähnliche Ansätze, wie intuitive Bedienung definiert wird. „Nicht nachdenken zu müssen“, „sein Vorwissen anwenden“ und weitere Annahmen wurden getroffen.

Abb.1: Zitat aus der Diskussion im Digital Living Blog


Aus der Diskussion heraus und basierend auf der wissenschaftlichen Analyse wurden folgende Einflussfaktoren für die intuitive Bedienbarkeit von Webseiten definiert:

  • Mühelosigkeit: Unterbewusste Prozesse vermeiden Mühe, also kognitiven Aufwand. Müheloses Interagieren strengt folglich weniger an, als bewusste Prozesse.
  • Vorwissen anwenden: Dieser Faktor geht darauf ein, ob Elemente und Inhalte einer Webseite dem Nutzer vertraut sind. Und ob er sein Vorwissen auf einer neuen Seite anwenden kann. Dies ist quasi eine Voraussetzung, um eine mühelose, intuitive Interaktion zu ermöglichen.
  • Selbstbeschreibungsfähigkeit: Die Usability einer Seite ist extrem wichtig, um dem Nutzer optimal zu unterstützen. Nicht nur in der Wissenschaft wird immer wieder auf Usability-Kriterien verwiesen, auch unsere Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass eine Webseite „selbsterklärend“ sein muss, um intuitiv zu sein. Die Selbstbeschreibungsfähigkeit wird in der ISO –Norm 9241 wie folgt erklärt: „Ein Dialog ist selbstbeschreibungsfähig, wenn jeder einzelne Dialogschritt durch Rückmeldung des Dialogsystems unmittelbar verständlich ist oder dem Benutzer auf Anfrage erklärt wird.“ Im Kontext intuitiver Bedienbarkeit kommt diesem Punkt noch eine weitere Aufgabe zu: Die Seite muss so leicht zu verstehen sein, dass über einzelne Schritte oder Klicks nicht nachgedacht werden muss.
  • Effizienz: Der Nutzer sollte schnell an sein Ziel gelangen.

Untersuchungsdesign

Insgesamt wurden in der Folge 17 Items entwickelt, die die beschriebenen Einflussfaktoren abbilden. Als Untersuchungsgegenstand diensten die Webseiten des deutschen Bundestages und des Europäischen Parlamentes. Diese Webseiten boten sich als Testgegenstand an, da dort zum einen eine ähnliche Aufgabe gestellt werden konnte (Wie ist die aktuelle Zusammensetzung des Parlaments? Wie viele Sitze hat aktuell Partei XY?), zum anderen, da sie eine unterschiedliche Navigationsstruktur aufweisen (siehe Abb. 2 und 3).

Abb.2: Startseite deutscher Bundestag





Abb.3: Startseite Europäisches Parlament

Ergebnisse

Über 700 Teilnehmer nahmen an der Umfrage teil und bewerteten die Seiten hinsichtlich ihrer Intuitivität. Die Teilnehmer bekamen jeweils per Zufall eine Webseite zugewiesen. Es zeigt sich, dass die Seite des Bundestages generell als intuitiver bewertet wurde, was möglicherweise an der „klassischen“ Navigationsstruktur liegt.

Durch eine Faktorenanalyse zeigte sich, dass die vorher angenommen vier Konstrukte nicht als unabhängig voneinander anzusehen sind. Mit anderen Worten Mühelosigkeit, Vorwissen, Selbstbeschreibungsfähig und Effizienz hängen so stark zusammen, dass sie nicht als einzelne Konstrukte unterschieden werden können. Alle diese Einflüsse bauen direkt aufeinander auf. Letztlich umfasst der Fragebogen zur Intuitivität von Webseiten jetzt 11 Items. Bemerkenswert ist, dass vor allem die Items im Bereich Mühelosigkeit und Selbstbeschreibungsfähigkeit einen besonderen Einfluss auf die Intuitivität ausüben. Items wie „Ich konnte mich auf der Seite schnell zu Recht finden“ oder „Ich konnte die Webseite ohne viel nachzudenken bedienen“ bilden intuitive Bedienbarkeit sehr gut ab. Effizienz spielte indes eine deutlich untergeordnete Rolle, als angenommen. Offenbar ist die Art und Weise ans Ziel zu kommen entscheidender für intuitive Interaktion, als die „gefühlte“ Geschwindigkeit, mit der das Ziel erreicht wird.

Fazit

Durch den Fragebogen zur intuitiven Interaktion wird ermöglicht intuitive Bedienbarkeit von Webseiten näher zu beleuchten. Die Items zeigen dabei verschiedene Aspekte auf, die im Verbund eine Aussage über die Intuitivität einer Webseite treffen können. Dabei sollte jedoch weiterhin Vorsicht gelten, denn mittels des Fragebogens können die Empfindungen nur in der Retroperspektive abgefragt werden. Der Fragebogen sollte als Ergänzung gesehen werden, der die umfassende Beurteilung einer Webseite unterstützt.


Weiterführende Quellen zum Thema intuitive Interaktion:

  • Blackler, A. L., Popovic, V., Mahar, D. P. (2007): Developing and Testing a Methodology for Designing for Intuitive Interaction, Proceedings of IASDR07, Hong Kong, Hong Kong Polytechnic University. P. 1- 24.
  • Blackler, A. L., Hurtienne, J. (2007): Towards a unified view of intuitive interaction: Definitions, models and tools across the world. MMI-Interaktiv. 13. P. 36 – 54.
  • Dijksterhuis, A., Nordgren, L.F. (2006): A Theory of Unconscious Thought. Perspectives on Psychological Science. Association for Psychological Science 2006, Vol. 1 – No. 2. P. 95 – 109.
  • Kahneman, D. (2003): A perspective on intuitive judgment and choice. Mapping bounded Rationality. In: American Psychologist Vol. 58, No. 9, p. 697 – 720, American Psychological Press.Inc (2003).
  • Mohs, C., Hurtienne, J., Israel, H., Meyer, H., Kindsmüller, M.C. & IUUI Research Group (2006): IUUI – Intuitive Use of User Interfaces: Auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Basis für das Schlagwort „Intuitivität”. MMI Interaktiv, 11. P. 75 – 84.

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Sie wollen den Forschungsbeitrag zitieren? Gerne können Sie folgende Quellenangabe nutzen:

Oeding, Joanna (2015): Intuitive Bedienung von Webseiten – Darstellung der Fragebogenentwicklung zur Messung von Intuitivität.
http://www.eresult.de/ux-wissen/forschungsbeitraege/einzelansicht/news/intuitive-bedienung-von-webseiten-darstellung-der-fragebogenentwicklung-zur-messung-von-intuiti/