Marketing-Underground 2019

Recap von Kirsten Bringmann

Auch wenn man kritisieren kann, dass die Marketing-Underground etwas zu online-lastig und für mich persönlich die Speaker- und Themenauswahl gern noch etwas „undergoundiger“ und diverser hätte sein dürfen:

Marco Janck und sein Team haben einen grandiosen ersten Wurf für dieses neue Konferenz-Format gelandet. Mit viel Liebe zum Detail haben sie trotz der Größe durch viele kleine Inseln wie der Recruiting-Area und der “share your business cards corner” eine tolle, kommunikationsfördernde Atmosphäre geschaffen.

 

Die Geburtsstunde der Marketing-Underground

Berlin, 3.12.2019 ca. 9:30h.

Marco Janck begrüßt auf "STAGE 1" die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Marketing Underground. Er erläutert seine Intension diese auf die Beine gestellt zu haben, berichtet von Schwierigkeiten, Stolpersteinen sowie unternehmerische Risiken im Laufe des Planungsjahres und stellt diese dem Risiko gegenüber einen Teil seiner Reputation einzubüßen, sollte die Konferenz nicht statt finden. Mutiger, authentischer Einstieg!

Letzten Endes war Agilität sein Leitmotiv und die Teilnehmerzahl gibt ihm Recht.

Musikalisch begleitet wird "STAGE 1" von Olaf Kopp, im früheren Leben DJ Olleck, der hier den ganzen Tag auflegen wird. Marco schließt seine Begrüßung mit organisatorischen Infos sowie Hinweise auf die Workshops "Logo Repair" mit Aaron Draplin und "Kalligraphie" mit Andreas Frohloff. Damit kann es los gehen.

Ich selbst bin um diese Uhrzeit schon sehr gespannt auf diesen Tag, irgendjemand twittert unter #marketingunderground "Die Atmosphäre ist auf jeden Fall schon undergoundig - ich fühl mich Hipster!" Ich muss schmunzeln, verstehe, was er meint.

 

Bevor ich zu meinen persönlichen Highlights der Marketing Underground komme...

...was macht sie aus bzw. den Unterschied zu anderen Konferenzen?

Die Halle der Arena Berlin ist beeindruckend groß für eine solche Konferenz. Vor allem morgens im Dunkeln ist die "Undergound-Atmosphäre" perfekt.

Um die Größe der Halle aufzulockern wurden nebst den beiden Bühnen "STAGE 1" und der kleineren "STAGE 2" viele kleine Inseln wie Platz für Kreativworkshops, die Recruiting-Area und der “share your business cards corner” geschaffen. Es hat mir gut gefallen, dass jeweils nur zwei Vorträge parallel laufen und nicht drei, wie auf anderen Konferenzen, die ich sonst so besuche. Wer in einem Slot mal kein Thema findet, kann an einem der beiden Workshop-Angebote teilnehmen.

An den Ständen der Aussteller, die ebenfalls locker verteilt sind, gibt es QR-Codes, um die Distanz zwischen Besuchern und Ausstellern abzubauen: Dahinter verbergen sich Marketing-Tipps, Casestudies & Co. Eine sehr schöne Idee, die m. E. im nächsten Jahr gern noch ausgebaut werden kann.

Umrahmt wird der Konferenz-Bereich in der Halle durch diverse Foodtrucks von Vegan bis Burger. Durch Marcos Konzept jeweils im Wechsel 30 Minuten Vortrag und im Anschluss 15 Minuten Pause anzubieten, hat er den "Mittagspausen-Andrang" entzerrt. Man hat ausreichend Gelegenheit sich zwischen den Slots mit Ausstellern oder anderen Konferenz-Teilnehmern auszutauschen oder etwas zu essen.

Nun aber zu meinen persönlichen Highlights, was die Vorträge betrifft.
Disclaimer: Mein Recap beruht zum größten Teil auf meinem Gedächtnisprotokoll aufgrund weniger Stichpunkte, die ich während der Marketing Underground gemacht habe. Die Zitate sind daher sinngemäß, aber nicht immer wortwörtlich wiedergegeben.

 

Aymar Pirzada

How to build a brand (love) story

Den gelungenen Auftakt macht Aymar Pirzad, der Faktoren und Herausforderungen für erfolgreiche Content Teams beleuchtet.

Die Anzahl an Plattformen, Kanälen und Formaten steigt, man kann kaum noch die Übersicht behalten und muss sich fokussieren. Um so wichtiger wird interdisziplinäre Zusammenarbeit und Contentplanung, die vernetzt und vor allem koordiniert abläuft.

Was bei uns ein Redaktionsplan ist, nennt er "integrierte Content Planung" und betont damit wie wichtig es ist aus dem Silodenken auszubrechen.

"Denkt nicht in Marketing-Disziplinen, denkt in Themen!" nehme ich als Kernaussage seines Vortrags mit.

 

Jannis Rittersbach & Marc Anders

Die Zukunft von Social Media

Im Grunde genommen hauen Jannis Rittersbach und Marc Anders in die gleiche Kerbe wie Aymar Pirzada zuvor. Sie bringen aber einen ganz anderen Twist in das Thema: "Zuerst kommt die (Content-) Idee. Dann überlegt Euch, wo und wie Ihr Eure Zielgruppe ansprecht!"

Die beiden bringen spannende Cases mit und zeigen anhand derer, wie Unternehmen kreativ die jungen Generationen "Z" & "Millienials" erreichen können.

Dies ist beispielsweise dem Versandhaus OTTO mit der #machdichzumotto-Challange auf TIKTOK gelungen: Es hat mit der Kampagne die Lust zu Albernheiten der Community herausgekitzelt und die Kampagne geschickt in seinen Marketing-Mix eingebunden.

 

Julius van de Laar

im Interview mit Marco Janck

Julius van de Laar, ehemaliger Campaigner für Präsident Obama, stellt zunächst einmal fest:

"Jede Privatperson, jeder Politiker und jedes Unternehmen müssen sich immer zuerst den beiden Fragen stellen 'Warum ich? Und warum jetzt?', bevor sie ein Projekt oder eine Kampagne angehen."

Auf den Antworten darauf kann dann die Kampagne aufgebaut werden. Wichtig sei, nicht nur sich selbst früh zu definieren, sondern auch die Konkurrenz. Wobei klar positionierte Aussagen, die den Zeitgeist treffen, gerade im (amerikanischen) Wahlkampf wichtig seien. "Zentral ist die Botschaft, Daten fungieren nur als Brandbeschleuniger.

Julius van de Laar untermauert dies mit dem Beispiel, dass Donald Trump, der sich konsequent auf seine potenziellen Wähler konzentriert hat, nur ein halb so großes Budget ausgegeben hat wie Hillary Clinton. Dennoch erinnert sich jeder an seinen Slogan, an den seiner Konkurrentin kaum jemand.

 

Calvin Hollywood

So machst du die krassesten Social Media Handy Videos selber

Calvin Hollywood ist schon lange kein Geheimtipp mehr, bringt aber seine Tipps gewohnt amüsant und deutlich auf den Punkt. Nebst dem Vorschlag einfach mal ein Hörbuch im Kleiderschrank aufzunehmen, wenn kein Budget für Technik da ist ("Ton ist wichtiger als Bilder!"), rät er endlich mal mit Videos und Livestreams zu beginnen, und sich nicht hinter persönlicher Eitelkeit zu verstecken:

"Ihr seht nicht scheiße aus. Ihr seht Euch nur endlich einmal. Und das ist ungewohnt. Wenn Euch jemand persönlich anspricht und eine Frage hat, sagt Ihr doch auch nicht 'Geh weg, ich fühl mich heute nicht so!', nur weil die Frisur gerade nicht sitzt!"

Weiterer Tipp: „Mach lange youTube Videos! Die meisten werden sich das Video dann nicht bis zum Schluss ansehen, aber wer es tut, ist ein „heißer Lead“ – diese Person hast Du von Dir überzeugt! Du kannst sie zum Schluss des Videos freundlich auffordern, Deinen Newsletter zu abonnieren, Deinen nächsten Kurs zu besuchen oder was immer Dein Ziel gerade ist.“

"Und wenn mir die Ideen ausgehen, um ein neues Video zu erstellen, gehe ich einfach auf TikTok und lasse mich inspirieren, da ist nachmachen nicht verpönt, sondern gehört einfach dazu."

 

Christoph Hemann

Dein Online-Marketing Budget richtig einsetzen

"Nicht jeder Traffic macht Umsatz. Wovon hast Du oder Dein Kunde am meisten?" beginnt Christoph Hemann seinen Vortrag.

Er warnt davor sich an den Dingen, die sowieso schon gut laufen, fest zu beißen und erinnert an das gute alte Paretoprinzip, das man im betrieblichen Alltag gern mal aus den Augen verliert.

To-Dos um (wieder) auf Spur zu kommen, seien so unkreativ wie wichtig: Zunächst ein sauberes Tracking aufsetzen und dann den Engpass unter den Marketingmaßnahmen ausfindig zu machen, sprich diejenige, die am wenigsten zum Umsatz beitragen. Nach diesem Engpass sollte man sein Budget ausrichten. Wichtiger Tipp: "Verteile dein Werbebudget nicht linear!" Man solle Themengebiete mit saisonalen Schwankungen definieren und sein "Budget richtig auf Renner und Penner verteilen!"

Diese Idee konsequent verfolgt, kann man ein vielfaches aus einem Werbekanal wie z. B. Google Ads rausholen - bei aufs gesamte Jahr betrachtet gleichbleibendem Werbebudget.

 

Barbara Lampl

Preis Marketing

Mit ihrem Thema hat die mir bis dahin unbekannte Kölnerin(!) Barbara Lampl offensichtlich den Nerv der "Grounder" getroffen:

Sie geht der Frage auf den Grund, warum man sich überhaupt mit Pricing beschäftigen sollte und erläutert, dass das menschliche Gehirn nur bedingt gut mit Zahlen umgehen kann. Sie bringt in diesem Zusammenhang das einfache Beispiel:
399 € vs. 399 Euro vs. 399,00

In der Regel werden ihrer Erfahrung nach 1% bis 8% Preiserhöhung vom Kunden problemlos akzeptiert, da dieser Bereich dem Gehirn nicht weiter auffällt.

Alles was darüber hinaus geht, müsse man dem Kunden verargumentieren oder z. B. Kooperationen mit Partnern aus einem hochpreisigerem Segment eingehen.

 

Astrid Kramer

User Blindness - Wie wir erfolgreich Besucher ignorieren.

NerdInSkirt aka Astrid Kramer (für mich ist auch sie eher Publikumsmagnet als Geheimtipp) kommt mit einem tollen Vortrag und nem bösen Ohrwurm um die Ecke! Letzteren möchte ich Euch gerne ersparen, daher auf gar kleinen Fall hier klicken! (Bitte, gerne.)

Ihr Vortrag catched mich auf verschiedenen Ebenen von UX bis "datengetriebener Gleichberechtigung".

Sie eröffnet das Thema mit folgender Aussage: "Frauen sind die, die weltweit am meisten einkaufen, dennoch fühlen sich nur 4% der Frauen von der Werbung angesprochen." Astrid Kramer zitiert an dieser Stelle Sylvia Ann Hewlett "The biggest emerging market in the world is not China; it´s women. We don´t pay this market the respect it deserves."

Sie zeigt darüber hinaus, dass unter Suchbegriffen wie "Zahnärztin", "Anwältin" oder "Immobilienmarklerin" bei Google Treffer in der Bildersuche, bei den männlichen Pendants jedoch Google Maps, d. h. Business-Einträge ausgegeben werden.

Astrid Kramer bringt diverse Beispiele für "User Blindness" von Sexismus bis zu kultureller Ignoranz in der Werbung, die den einen oder anderen Shit-Strom los getreten haben. Ob immer zu Recht oder nicht, kann ich nicht beurteilen und lasse die Beispiele daher bewusst weg.

Zudem ignorieren wir durch mangelnde Barrierefreiheit Personen mit Behinderung sowohl im täglichen Leben als auch als Website-Nutzer massiv (nicht nur) im Marketing. 

Sie hat mich mit ihrem Vortrag auf diese Themen sensibilisiert und vor allem in Bezug auf den "Gender Gap" in den Suchergebnissen nachdenklich gestimmt: Meines Erachtens (also Kirsten Bringmanns, nicht, dass da etwas verwechselt wird) ist nicht ein Algorithmus sexistisch. Es ist die Sprache, die wir verwenden aus dem der Algorithmus gespeist wird. Und damit behaupte ich nicht, dass sie es anders sieht.

Kramer hat lediglich Beispiele und daher jeder Teilnehmerin (m/w/d) der Marketing Underground Raum zum Nachdenken gegeben.