Prototyping-Tools im Vergleich

Statische Wireframes und Designs reichen heute nicht mehr aus, denn Websites und Software werden immer komplexer und interaktiver. Zum Glück können mit Prototyping-Tools alle Interaktionen simuliert und ausprobiert werden, noch bevor ein Entwickler eine Zeile Code schreiben muss. So können Designs verständlich gemacht, Nutzertests durchgeführt, Stakeholder überzeugt und den Entwicklern die Anforderungen erklärt werden. Deshalb gehört das Prototyping inzwischen zum Standard-Repertoire in der UX Konzeption. Der Markt der Prototyping-Tools ist jedoch unübersichtlich geworden und wächst unaufhörlich weiter. Die Stärken und Schwächen einiger bekannter Tools werden in diesem Beitrag beleuchtet. 

Übersichtstabelle

Axure Justinmind proto.io UXPin HotGloo
Allgemeines
Preis pro Lizenz ab $495 ab $495 - - -
Preis pro Monat ab $29 ab $19 ab $24 ab $19 ab $14
Webbasiert nein nein ja ja ja
Widgets und Design
Mitgelieferte Libraries Wenige Viele Viele Sehr viele Wenige
Eigene Libraries ja ja nein ja nein
Mögliche Fidelity hoch hoch hoch hoch niedrig
Import aus PS/Sketch nein nein ja ja nein
Master ja ja ja nein ja
Interaktivität
Animationen ja ja ja ja nein
Variablen ja ja ja nein nein
Bedingte Interaktionen ja ja nein nein nein
Deviceunterstützung
Responsive Design ja ja nein nein nein
Apps für Mobile Devices ja ja ja nein nein
Touch-Gesten ja ja ja ja nein
Kollaboration
Team-Projekte ja ja ja ja ja
Paralleles Arbeiten ja ja nein ja ja
Versonierung ja ja nein nein nein
Veröffentlichen ja ja ja ja ja
Kommentieren ja ja ja ja ja
Dokumentation
Spezifikation generieren ja ja nein nein nein
Annotationen ja ja nein nein nein

 

Allgemeine Kriterien

Ein wichtiges Entscheidungskriterium ist sicher immer der Preis. Grundsätzlich unterscheiden sich die Prototyping-Tools zwischen einmaligem Kauf und einem Abo-Modell. Nur für Axure und Justinmind kann eine Lizenz gekauft werden und liegt dann bei etwa 500 US-Dollar.

Beim Abo liegt Axure preislich an der Spitze: 29 US-Dollar fallen monatlich mindestens an. Im Mittelfeld liegen Justinmind, proto.io und UXPin mit um die 20 US-Dollar pro Monat. Der Einstieg in die Welt der Prototyping-Tools beginnt mit HotGloo für 14 US-Dollar.

Beim Vergleich der Preise ist jedoch Vorsicht angesagt: Es gibt meist mehrere Varianten, die sich in der Anzahl der Nutzer, der Projekte und manchmal auch in den Features unterscheiden. Die hier genannten sind immer die günstigsten Preise.

Ein wichtiger Faktor ist auch, ob das Prototyping-Tool webbasiert im Browser läuft (proto.io, UXPin und HotGloo) oder als Standalone-Software installiert wird (Axure und Justinmind). Beide Varianten bieten Vorteile:

  • Standalone-Software ist performanter und funktioniert auch ohne Internetverbindung
  • Web-Apps benötigen keine Installation und eine Lizenz kann leicht mit mehreren Personen geteilt werden

Widgets und Design

Um einen Prototypen zu erstellen werden in allen Tools vorgefertigte Widgets eingesetzt, die wie ein Baukasten funktionieren. Alle 5 Tools kommen mit einer gewissen Auswahl solcher Widgets, doch der Umfang unterscheidet sich stark: Axure und HotGloo bieten nur geometrische Formen, Formularelemente und einige wenige weitere UI-Pattern. Justinmind und proto.io gehen schon weiter und liefern direkt Bibliotheken mit Standard-Widgets für iOS und Android mit. UXPin schließlich hat die größte Auswahl an Widgets.

Die mangelnde Auswahl von Widgets in Axure wird ausgeglichen durch die Möglichkeit, eigene Bibliotheken anzulegen oder zu importieren. Im Web gibt es viele vorgefertigte Bibliotheken - teilweise umsonst, teilweise kostenpflichtig. Auch Justinmind und UXPin erlauben, eigene Widget-Bibliotheken anzulegen.

Prototypen werden häufig nach der visuellen Fidelity, also der grafischen Genauigkeit oder Ausgestaltung unterschieden. High-Fidelity-Prototypen sehen fast aus wie die fertige Software, während Low-Fidelity-Prototypen eher an interaktive Wireframes erinnern. Generell erlauben fast alle hier genannten Prototyping-Tools sowohl High- als auch Low-Fidelity. Nur HotGloo bietet sehr eingeschränkte grafische Einstellungen und taugt somit nur für Low-Fidelity-Prototypen.

Wenn das Design bereits in einem anderen Tool erstellt wurde und nur interaktiv gemacht werden soll, dann bieten proto.io und UXPin einen unschlagbaren Vorteil: Beide Programme können direkt aus Photoshop oder Sketch importieren. Dabei bleiben alle Layer als einzelne Widgets erhalten, so dass sie sehr leicht zu einem Prototypen weiterentwickelt werden können.

Wiederkehrende Teile eines Prototypen, typischerweise etwa ein Website-Header, können in fast allen Prototyping-Tools als so genannte Master verwaltet werden. Sie werden zentral angelegt und Änderungen wirken sich dann auf alle Seiten aus. Nur UXPin unterstützt dieses Feature leider nicht. Am besten umgesetzt sind die Master in Axure.

Interaktivität

Beim Prototyping geht es vor allem darum, die einzelnen Screens interaktiv zu machen, so dass sie auf Benutzeraktionen reagieren. Grundsätzlich können dies alle hier diskutierten Tools. Der genaue Umfang unterscheidet sich jedoch stark.

Animationen werden von allen Prototyping-Tools außer HotGloo unterstützt. Eindeutig am besten dafür geeignet ist jedoch proto.io, bei dem sehr einfach zwischen verschiedenen States animiert werden kann und die Einstellungen dafür über einen Zeitstrahl erfolgen.

Um auch komplexere Interaktionen zu simulieren müssen häufig Daten in Variablen gespeichert und von Screen zu Screen weitergegeben werden. Dies ist mit Axure, JustinMind und proto.io problemlos möglich. Axure und Justinmind unterstützen zudem bedingte Interaktionen, so dass bestimmte Zustände geprüft werden können, um dann je nachdem unterschiedliche Aktionen auszuführen.

Unterstützung verschiedener Devices

Grundsätzlich unterstützen alle Prototyping-Tools verschiedene Devices wie Smartphones und Tablets. Meist läuft dies über die Auswahl des Devices beim Anlegen eines Projektes. Responsive Websites unterstützen dagegen nur Axure und Justinmind, jedoch in beiden Fällen eher rudimentär.

Für Touch-Geräte sind auch entsprechende Gesten unerlässlich. Leider unterstützt HotGloo diese nicht, so dass es für mobile Prototypen nur sehr eingeschränkt empfehlenswert ist.

Axure, Justinmind und proto.io bieten auch spezielle Apps an, mit denen die Prototypen dann sehr einfach auf dem tatsächlichen Device angezeigt werden können. Das macht etwa das Durchführen von Usability-Tests ohne großen Aufwand möglich. 

Kollaborationsfunktionen

Heutzutage arbeitet häufig nicht mehr ein einzelner Designer im stillen Kämmerlein am UX-Design, sondern unterschiedliche Team-Mitglieder gemeinsam. Auch Feedback-Schleifen mit Kunden oder Kollegen sollte ein Prototyping-Tool bestmöglich unterstützen.

So ist es nicht verwunderlich, dass alle 5 Prototyping-Tools Kollaborationsfunktionen bieten. In Axure und Justinmind können Team-Projekte genutzt werden, damit mehrere Personen parallel an einem Prototypen arbeiten können und dieser immer auf dem neusten Stand bleibt. Die anderen, webbasierten Tools liegen die Prototypen sowieso in der Cloud, so dass dies kein Problem darstellt. Bis auf proto.io kann sogar mit allen Tools mit mehreren Personen gleichzeitig gearbeitet werden.

Die Team-Projekte bieten in Axure und Justinmind einen weiteren Vorteil: Es werden verschiedene Versionen erzeugt, so dass Änderungen nachverfolgt und rückgängig gemacht werden können.

Alle Tools erlauben es, den Prototypen zu veröffentlichen, so dass andere Nutzer ihn betrachten und kommentieren können. 

Dokumentation und Spezifikation

Wenn direkt aus dem Prototypen ein Spezifikationsdokument erzeugt werden soll, etwa als Grundlage für die technische Umsetzung, dann eignen sich nur Axure und Justinmind. Hier können vielfältige Annotationen genutzt werden, um den Prototypen ausführlich zu dokumentieren. Diese können dann im Browser betrachtet oder auch als Dokument, etwa in Word, exportiert werden. 

Fazit: Unterschiedliche Prototyping-Tools für unterschiedliche Anforderungen

Wie an dieser Gegenüberstellung zu erkennen ist haben alle Prototyping-Tools sowohl Vor- als auch Nachteile. Es gibt kein bestens Tool, sondern nur das richtige Tool für einen bestimmten Einsatzzweck.

Am vergleichbarsten sind Axure und Justinmind. Sie sind beide eindeutig an Fortgeschrittene gerichtet, denn sie bieten einen sehr großen Funktionsumfang und ermöglichen auch sehr komplexe Interaktivität. Justinmind besitzt leichte Vorteile im Umgang mit Daten, bei der Team-Kollaboration und durch die mitgelieferten Bibliotheken. Axure dagegen hat bei komplexen Interaktionen die Nase vorn und bietet zudem eine weit größere und hilfreichere Community. So ist es leichter, Axure zu erlernen, etwa mit Online-Kursen oder Axure Training von professionellen Anbietern.

Auch die anderen 3 Prototyping-Tools bedienen jeweils spezielle Anforderungen:

  • Proto.io ist besonders für mobile Prototypen mit vielen Animationen geeignet.
  • UXPin versucht durch starke Kollaborationsfunktionen zu glänzen und kann zudem auch über den Prototypen hinaus ganze Design-Projekte managen.
  • HotGloo richtet sich besonders an Einsteiger, die kein High-Fidelity-Design benötigen.

Somit ist das wichtigste bei der Auswahl des richtigen Prototyping-Tools, die eigenen Bedürfnisse zu analysieren. Zudem sollte unbedingt vorher ausgiebig getestet werden. Dafür bieten alle hier beschriebenen Tools kostenlose Trial-Versionen an.