Zwei Methoden zur Evaluation der Informationsarchitektur - expertenbasiert und Tree Testing

Was ist mit Informationsarchitektur gemeint?

Eine gute Informationsarchitektur unterstützt die Auffindbarkeit von Informationen, Funktionen, Services und Produkten. Sie ist die strukturelle Organisation der Inhalte. Dazu gehört etwa die Inhaltshierarchie oder auch andere Organisationsformen, wie facettierte Datenbanken oder Tags. Die tatsächliche Darstellung der Informationsarchitektur auf der Webseite entsteht über das Navigationsdesign. Dieses umfasst im Normalfall mehrere Navigationssysteme, etwa globale und lokale Navigation sowie eine kontextuelle Navigation.

Verschiedene Ausgangslagen für eine Evaluation der Informationsarchitektur

Eine Evaluation der Informationsarchitektur ist zunächst angeraten, wenn deutlich wird, dass Nutzer auf der Webseite Schwierigkeiten beim Auffinden von Informationen, Services und Funktionen haben. Der Seitenbetreiber braucht an dieser Stelle eine Einschätzung der Problemlage. Auf dieser Basis kann er entscheiden, ob eine Neukonzeption der Informationsarchitektur notwendig ist oder eine Überarbeitung von Schwachstellen ausreicht. Hier setzt die expertenbasierte Evaluation an, die im nächsten Abschnitt genauer beschrieben wird. Sie dient der Feststellung, wie schwerwiegend die Probleme bei der aktuellen Informationsarchitektur sind.

Die Informationsarchitektur kann nun im Ergebnis der expertenbasierten Evaluation zwar Mängel aufweisen, jedoch nicht so schwerwiegend, dass eine Neukonzeption notwendig ist. Dann ist eine nutzerbasierte Evaluation über Tree Testing angeraten, um so Schwachstellen valide und mit genügend großer Stichprobe zu identifizieren und daraufhin zu überarbeiten. Auch auf diese Form der Evaluation wird in einem weiteren Abschnitt noch genauer eingegangen.

Sollten die Mängel der Informationsarchitektur im Ergebnis der expertenbasierten Evaluation sehr schwerwiegend sein, muss eine Neukonzeption unter Einbeziehung von Card Sorting erfolgen. Auch zur Validierung dieser neuentwickelten Informationsarchitektur ist eine frühzeitige nutzerbasierte Evaluation mit Tree Testing sinnvoll.

Erste Analyse zur Einschätzung der Problemschwere: expertenbasierte Evaluation


Im Rahmen einer expertenbasierten Evaluation wird die Informationsarchitektur anhand mehrerer Fragestellungen bewertet. Louis Rosenfeld hat einige geeignete Fragen zusammengestellt.

Homepage

Auf dieser Seite empfiehlt Rosenfeld folgenden Fragen nachzugehen:

  • Werden auf der Homepage mehrere Wege angeboten Inhalte zu erreichen? Es soll evaluiert werden, ob auf der Homepage ausreichend Angebote gemacht werden dahinterliegende Informationen zu erreichen: Gibt es eine Suche, einen Seitenindex, eine Navigation?
  • Wird deutlich welche Wege für die Bedürfnisse der Nutzer am hilfreichsten sind? Rosenfeld weist an dieser Stelle darauf hin, dass es sich nicht lohne Nutzern unbegrenzt viele Wege anzubieten. Stattdessen solle man sich darauf konzentrieren einige Wege möglichst nutzerfreundich zu gestalten.
  • Kann der Nutzer einen Überblick darüber erlangen welche Inhalte sich auf der Website finden lassen und worum es auf der Website geht?
  • Unterstützt die Homepage Nutzer, die die Seite bereits besucht haben und wissen wonach sie suchen?

Die Suche

  • Ist das Suchfeld einfach zu finden und erwartungskonform platziert?
  • Ist die Suche einfach zu benutzen?
  • Erlaubt die Suche das verfeinern der Suchkriterien?
  • Werden Hilfsmittel wie beispielsweise eine Rechtschreibkorrektur genutzt?

Suchergebnisse

  • Entsprechen die ersten Suchergebnisse dem Informationsbedürfnis des Nutzers?
  • Wird angezeigt wonach gesucht wurde?
  • Wird deutlich in welchen Bereichen gesucht wurde?
  • Wird angezeigt wie viele Ergebnisse erzielt wurden?
  • Werden die einzelnen Ergebnisse so dargestellt, dass der Nutzer die Ergebnisse verstehen und unterscheiden kann?

Navigation

  • Ist es möglich durch die Seite zu navigieren, ohne "zu viele" Klicks machen zu müssen? Hierzu müssen einige realistische Aufgaben der Nutzer definiert und anschließend durchlaufen werden.
  • Ist das Wording der Rubriken klar und aussagekräftig?

Kontextuelle Navigation

  • Wird dem Nutzer deutlich kommuniziert auf welcher Website er sich befindet und auf welcher Seite innerhalb dieser Website?
  • Werden weiterführende Links angeboten und sind diese eindeutig benannt?

Weitere Kriterien

Die Expertin für Informationsarchitektur Abby Covert ergänzt Louis Rosenfelds Fragen noch um drei weitere Kategorien. Ihre 9 Heuristiken für die Evaluation einer Informationsarchitektur enthalten noch die Fragen nach:

  • der Qualität der Informationen: Werden die Informationen regelmäßig erneuert und ergänzt? Wird von übermäßiger Werbung abgesehen?
  • der Erlernbarkeit: Kann die Struktur der Website einfach verstanden werden? Kann die die Struktur der Website einfach erinnert werden?
  • der Kontrolle: Werden Nutzer die Aufgaben - die sie wahrscheinlich ausführen wollen werden - erfüllen können? Werden Fehler bei der Navigation durch die Nutzer vermieden?

Validierung einer Informationsarchitektur: Tree Testing

Beim Tree Testing oder Reverse Card Sorting erhalten die Probanden kleine Suchaufgaben und sollen diese in einer bereits vorhandenen Struktur lösen. Die Methode wird als Tree Testing bezeichnet, da es um die Evaluation einer hierarchischen Baumstruktur geht.

Tree Testing ist im Kern ein Mini-Usability Test, der sich nur auf die Informationsarchitektur bezieht. Genau wie im Usability-Test bekommen die Probanden Aufgaben, die sie lösen sollen. Diese Aufgaben drehen sich immer um das Auffinden einer bestimmten Information. Die Probanden suchen anhand der reinen, hierarchischen Informationsarchitektur danach. Das Tree Testing abstrahiert somit von allen weiteren Einflüssen wie dem Navigationsdesign, Direkteinstiegen auf tieferen Ebenen und Suchfunktionen.

Das Testen der entwickelten Informationsarchitektur auch schon zu einem frühen Entwicklungszeitpunkt hat viele Vorteile:

  • Resultierende Änderungen können vorgenommen werden, bevor darauf aufbauende Layouts und Navigationssysteme designt wurden. Sie können so viel Aufwand vermeiden.
  • In späteren Tests aufgetretene Probleme mit der Navigation können besser isoliert werden, da die Informationsarchitektur bereits verifiziert wurde. Sie können sich also mit Anpassungen auf die Gestaltung der Navigation konzentrieren und vermeiden Fehleinschätzungen und unnötige Änderungen.
  • Ein Tree Testing erlaubt die Erhebung eindeutiger Kennzahlen, die gut verglichen werden können. Den Erfolg der neuen Informationsarchitektur gegenüber einer alten oder gegenüber weiteren Varianten können Sie auf diese Weise klar belegen.
  • Im Allgemeinen ist ein Tree Testing mit relativ geringem Aufwand verbunden, wenn es mit Hilfe von Online-Tools durchgeführt wird. So gelangen Sie günstig an wichtige Erkenntnisse, die Sie sonst erst später durch aufwändigere Methoden erhalten hätten.

Der kritischste Faktor beim Tree Testing sind die Aufgaben, die den Probanden gestellt werden. Denn besonders beim unmoderierten Tree Testing gibt es nur einen Versuch - Nachfragen der Probanden und weitere Erklärungen sind nicht möglich. Nur wenn die richtigen Aufgaben gewählen und diese gut formuliert werden, wird eine hohe Validität und Aussagekraft der Ergebnisse erreicht.

Die Auswertung

Bei der Auswertung eines Tree Testing ergeben sich drei wichtige Metriken:

  • Erfolgsquote: Der Anteil derer, die die gesuchte Information gefunden haben. Dies ist die zentrale Kennzahl für die Güte der Informationsarchitektur.
  • Direktheit: Der Anteil derer, die während der Suche keine Rückschritte vorgenommen haben. Die Direktheit gibt Aufschluss darüber, wie sicher die Probanden bei ihrer Wahl waren.
  • Zeit: Die für jede Aufgabe aufgewendete Zeit. Auch die Zeit kann ein Maß für die Unsicherheit der Probanden sein, sollte aber nur bei auffällig hohen Werten betrachtet werden.

Anhand dieser Kennzahlen lässt sich für jede Aufgabe eine erste Einschätzung vornehmen. Aufgaben mit Erfolgsquoten über 80 % stellen generell kein Problem dar. Bei niedrigeren Werten und auch bei einer auffällig geringen Direktheit sollte die Aufgabe im Detail betrachtet werden.


Abb. 1: Die Kennzahlen einer Aufgabe im Überblick bei TreeJack

Insbesondere sollte betrachtet werden, welche Seiten fälschlicherweise als Zielseiten gewählt wurden und an welchen Punkten in der Informationsarchitektur der falsche Weg gewählt wurde. An diesen Stellen sollte angesetzt werden. Es muss hinterfragt werden, ob die Strukturierung und die Benennung der Seiten hier wirklich dem mentalen Modell der Nutzer entsprechen.

Eine interessante Auswertungsmöglichkeit bietet das Tool TreeJack mit den so genannten Pietree-Diagrammen. Diese Visualisierung der Navigationspfade gibt einen guten Überblick und erlaubt gleichzeitig eine sehr detaillierte Betrachtung.


Abb. 2: Visualisierte Navigationspfade in der Pietree-Auswertung von TreeJack

Tree Testing ist eine leider noch nicht so weit verbreitete Methode zur Evaluation von Informationsarchitekturen, die aber großes Potential hat. Gerade toolgestützt lassen sich mit geringem Aufwand Studien durchführen, die belastbare Daten liefern. So können Probleme frühzeitig identifiziert und vermeiden werden, dass diese erst später im Entwicklungsprozess zu Tage treten.

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Strebe, Rita (2017): Zwei Methoden zur Evaluation der Informationsarchitektur - expertenbasiert und Tree Testing, In: Forschungsbeiträge der eresult GmbH, URL:http://www.eresult.de/ux-wissen/forschungsbeitraege/einzelansicht/news/zwei-methoden-zur-evaluation-der-informationsarchitektur-expertenbasiert-und-tree-testing/


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