Connected Car – User Centered Design von Car Remote-Apps

Herausforderung

Remote-Apps ermöglichen dem Nutzer eine drahtlose Kommunikation und Interaktion mit dem Fahrzeug aus der Ferne. Sie stehen für Smartphones, Tablets, und je nach Hersteller auch zur Anwendung auf Smartwatches, zur Verfügung.
Das aktuelle Angebot und der Funktionsumfang von Remote-Apps ist dabei stark herstellerabhängig. Remote-Apps ermöglichen Dienste zur Fernsteuerung des Fahrzeugs aus drei Kategorien:

  • Steuerung: Funktionen des Fahrzeugs werden aktiv gesteuert, z.B. die Klimatisierung des Innenraums oder die Verriegelung der Türen
  • Information: Es werden Informationen über das Fahrzeug abgerufen, z.B. die Restreichweite oder der Füllstand des Motoröls
  • Navigation: Dienste, die GPS- / Standort-Daten nutzen, z.B. die Anzeige der aktuellen Fahrzeugposition auf dem Smartphone


Die zunehmende Bedeutung des Connected Cars legt nahe, dass der aktuell angebotene Funktionsumfang von Remote-Apps im Laufe der Zeit weiter steigen wird. Folglich wird auch die Komplexität des User Interfaces von Remote-Apps steigen. Für den Erfolg einer App und deren Akzeptanz durch Nutzer ist eine gute Benutzerfreundlichkeit entscheidend. Eine schlechte Usability führt zu Frustration und Nicht-Nutzung oder Deinstallation der App. Im Hinblick auf die zunehmende Komplexität von Remote-Apps ist die Gestaltung einer benutzerfreundlichen Remote-App besonders herausfordernd, und wird in diesem Forschungsbeitrag thematisiert.

Methodische Herangehensweise

Um die UX von Car Remote-Apps bestmöglich zu steigern, wurde ein Vorgehen entsprechend dem User Centered Design Prozess nach DIN EN 9241:210 angewandt, siehe Abbildung 1.


Abb. 1: Der angewandte User Centered Design Prozess nach DIN EN ISO 9241:210.

  1. Analyse: Die Zielgruppen und ihre Anforderungen werden analysiert.
  2. Spezifikation: Die Anforderungen der Zielgruppen werden spezifiziert.
  3. Umsetzung: Die spezifizierten Anforderungen werden in einem Konzept umgesetzt.
  4. Evaluation: Das Konzept wird evaluiert und entsprechend überarbeitet.

 

Anforderungsanalyse und -Spezifikation

Im ersten Schritt stellten wir die Frage, was potentielle Nutzer von einer Remote-App erwarten. Welche Funktionen wollen Sie aus der Ferne Steuern? Welchen Funktionsumfang muss eine Remote-App haben? Und letztendlich: Unterscheiden sich die Nutzer hinsichtlich ihrer Anforderungen und Erwartungen? Gibt es diesbezüglich unterschiedliche Nutzergruppen?

Wir befragten N = 698 potentielle Nutzer und Nutzer von Remote-Apps. Die Teilnehmer nutzten täglich ein Smartphone und mindestens einmal pro Woche ein Auto. Die Alters- und Geschlechterverteilung der Befragten entspricht der Verteilung der Fahrerlaubnisse in Deutschland. Über 70-jährige Personen wurden dabei nicht in der Verteilung betrachtet.

Basierend auf einer umfassenden Wettbewerbsanalyse, bei der das Angebot von Remote Apps von 6 deutschen Autoherstellern betrachtet wurde und durch Usability Spezialisten um innovative Remote-Dienste ergänzt wurde, fragten wir die Teilnehmer, wie relevant einzelne Remote-Dienste für Sie sind (z.B. die Verriegelung der Türen oder die Klimatisierung des Innenraums).

Daraus erstellten wir ein Ranking der insgesamt 41 abgefragten Remote-Dienste. Wie aussagekräftig dieses Ranking ist, zeigt sich erst, nach dem geprüft wurde, ob sich die Nutzer in ihren Erwartungen ähnlich sind - oder stark unterscheiden.

Eine Clusteranalyse zeigte, dass sich die fast 700 potentiellen Nutzer in vier unterschiedliche Nutzergruppen gruppieren lassen. Die Cluster unterscheiden sich beispielsweise im Ausmaß der Smartphone-Nutzung, im Ausmaß der PKW-Nutzung, der Technikaffinität und schließlich auch den Anforderungen an den Funktionsumfang einer Remote-App. Um deren Anforderungen zu spezifizieren, wurden die vier Nutzergruppen zu stellvertretenden Personas verdichtet. Eine Übersicht über alle Personas können Sie hier kostenfrei herunterladen.

Im Rahmen dieses Forschungsbeitrags spielen vor allem die zwei Personas eine Rolle, die ein hohes Gesamtinteresse an der Nutzung von Remote-Apps haben: Yvonne und Ben. Ihre Anforderungen an eine Remote-App sind in Abbildung 2 und 3 dargestellt.

Abbildung 2: Anforderungen an Remote-Apps der Persona Ben.


Abbildung 3: Anforderungen an Remote-Apps der Persona Yvonne.

Zusammengefasst hat sich bei der Anforderungsanalyse gezeigt, dass die Anforderungen an den Funktionsumfang von Remote-Apps stark vom jeweiligen Nutzertyp abhängen.


Konzeptentwicklung

Anschließend wurde in Schritt 3 des User Centered Design Prozesses ein Konzept entwickelt. Bei der Entwicklung eines Car Remote-App Konzepts stellt sich die Herausforderung, die unterschiedlichen Nutzeranforderungen abzudecken.

Das Angebot einer App mit maximalem Funktionsumfang - also einer App die alle möglichen Remote-Dienste anbietet -  ist einerseits komplex, und trifft andererseits nicht die Erwartungen der Nutzergruppen, siehe z.B. Persona Ben in Abbildung 3. Es ist also davon auszugehen, dass die App scheitert, nicht akzeptiert und nicht genutzt wird.

Deutlich besser erschien uns eine App, deren Funktionsumfang sich nach den Anforderungen der Nutzer richtet. So könnten Nutzer beispielsweise den von ihnen gewünschten Funktionsumfang in der App selbst konfigurieren. Für die Nutzer unnötige und irrelevante Remote-Dienste würden dann ausgeblendet, der konfigurierte Funktionsumfang der App entspräche dann genau den Bedürfnissen und Anforderungen der einzelnen Nutzer.

Wir entwickelten also ein Konzept, bei dem sich der Nutzer den gewünschten Funktionsumfang selbst konfiguriert.
Darüber hinaus bauten wir die Möglichkeit ein, sogenannte Funktionspakete zu nutzen. Dabei werden Remote-Dienste zu Usecase-spezifischen Paketen zusammengefasst. Das ermöglicht den schnellen Zugriff auf Dienste aus verschiedenen Kategorien.

Es wurden 5 Funktionspakete geschnürt, z.B. bietet das Paket Fahrt vorbereiten folgende Dienste:

  • Ein Navigationsziel suchen und ans Navigationsgerät des Fahrzeugs senden
  • Prüfung, ob das Auto fahrbereit ist (Prüfung relevanter Fahrzeugparameter, z.B. Füllstand Öl, Reifendruck, Restreichweite)
  • Vorbereitung des Fahrzeugs (Bedienung oder Programmierung der Heizung, Klimaanlage, Sitzheizung und Scheibenheizung)


Die gewünschten Funktionspakete können ebenso von dem Nutzer gewählt werden. Ein beispielhafter Ablauf der Konfiguration des Funktionsumfangs ist in Abbildung 4 dargestellt.

Abbildung 4: Menüführung zur Konfiguration/Auswahl der Funktionspakete.

 

Konzeptevaluation

Das vorstellte Konzept wird im vierten Schritt des User Centered Design Prozesses evaluiert, d.h. in diesem Falle anhand eines Usability-Tests im Lab auf seine Benutzerfreundlichkeit getestet.


Abbildung 5: Testaufbau für den Usability-Test

Dabei konzentrierten wir uns auf folgende Fragen:

  • Wird die Nutzerführung/ der Vorgang der Konfiguration der App verstanden?
  • Wie wird das Konfigurieren bewertet? Wird der zusätzliche Schritt akzeptiert?
  • Wird die Funktionsweise der Funktionspakete verstanden?
  • Wie wird das Angebot der Funktionspakete bewertet?


Das Ziel des Tests war die Prüfung des Konzepts auf seine Tauglichkeit im Hinblick auf die Abdeckung der Anforderungen unterschiedlicher Nutzergruppen.

Wir testeten den Prototyp mit N = 12 Personen aus zwei Nutzergruppen (aktive Nutzer: Persona Ben, N = 2; sehr interessierte, Persona Yvonne: N = 10). Der Personen waren zwischen 30 und 55 Jahre alt, 6 der Teilnehmer waren weiblich.

Mit Hilfe einer szenariobasierten Evaluation erfassten wir Daten aus Verhaltensbeobachtung, fokussierten Tiefeninterviews und Protokolle lauten Denkens. Die Teilnehmer interagierten mit dem Prototyp anhand von 5 Usecases:

  • Details zu Funktionspaketen lesen und relevante Pakete auswählen
  • Navigationsziel ans Fahrzeug senden
  • Restreichweite prüfen
  • Fenster und Dach auf Offenheit prüfen und ggf. schließen
  • Anzeige der aktuellen Parkposition

 

Feedback der Teilnehmer

Zwei spannende Erhebungstage später konnten wir hilfreiche Erkenntnisse und Optimierungspotentiale generieren.

Die Möglichkeit, den Funktionsumfang der App selbst zu konfigurieren, wurde von den Teilnehmern sehr positiv bewertet. Auch der Bedienweg und die Menüführung des Konfigurationsvorgangs (sh. Abbildung 4) war für die meisten Teilnehmer klar und verständlich.

Probleme gab es, wenn den Teilnehmern der Unterschied zwischen dem Screen zur Funktionsauswahl (Abbildung 4, Schritt 3) und dem Screen zur Funktionsnutzung (Abbildung 4, Schritt 4) nicht klar war. Teilweise wurde versucht, bereits im Auswahlscreen einzelne Remote-Dienste zu steuern. Der anschließende, zusätzliche Bedienschritt zur Bestätigung der Auswahl war für die Teilnehmer unnötig und störend.

Das Angebt der Funktionspakete wurde von den Teilnehmern positiv bewertet. Die Teilnehmer nutzten eher die Funktionspakete als die einzelnen Remote-Dienste über die Hauptnavigation.

Verbesserst werden kann die noch fehlende Konfigurierbarkeit der Inhalte der Funktionspakete. Die Teilnehmer wünschten sich häufig ein Ausblenden oder Hinzufügen einzelner Remote-Dienste in die vordefinierten Funktionspakete.

Einige Teilnehmer kritisierten das Angebot von zwei Wegen zur Nutzung eines Dienstes (Funktionspaket & jeder Remote-Dienst einzeln).

Vergleicht man das Feedback und das Interaktionsverhalten der beiden Zielgruppen konnten keine wesentlichen Unterschiede festgestellt werden. Beide Zielgruppen halten den persönlich konfigurierbaren Funktionsumfang für sehr vorteilhaft und hilfreich.

Empfehlungen für eine benutzerfreundliche Remote-App

Wir durchliefen den User Centered Design Prozesses, um die Usabilty und User Experience von Car Remote-Apps zu steigern. Dabei wurde nach der Anforderungsanalyse klar, dass es unterschiedliche Nutzergruppen bezüglich ihrer Anforderungen an den Funktionsumfang von Remote-Apps gibt. Der Usability Test mit dem von uns entwickelten Konzept zeigt, dass man diese Unterschiede durch eine konfigurierbare App abdecken kann.

Für eine benutzerfreundliche Umsetzung empfiehlt es sich, Funktionspakete anzubieten, deren Inhalte konfigurierbar sind. Dadurch kann auf das Angebot der einzelnen Remote-Dienste verzichtet werden. Der Konfigurationsvorgang kann wie hier umgesetzt beibehalten werden, wenn der Unterschied zwischen Auswahl-Screen und Nutzungs-Screen verdeutlich wird.

Zusammengefasst zeigt sich, dass das Angebot einer App mit konfigurierbarem Funktionsumfang eine gute Chance ist, dem vermutlich steigenden Funktionsumfangs von Car Remote-Apps zu begegnen.

 

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Sie wollen den Forschungsbeitrag zitieren? Gerne können Sie folgende Quellenangabe nutzen:

Bodendörfer, Xaver (2016): Connected Car - User Centered Design von Car Remote-Apps, In: Forschungsbeiträge der eResult GmbH, URL: www.eresult.de/ux-wissen/forschungsbeitraege/einzelansicht/news/connected-car-user-centered-design-von-car-remote-apps/


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